12. Januar 2026

Die neue SAP Business Suite-Strategie als Fundament

In den vorherigen Beiträgen dieser Serie haben wir gezeigt, wie Life-Sciences-Unternehmen durch moderne ERP-Architekturen mit SAP S/4HANA, eine klare Datenstrategie und den gezielten Einsatz von KI einen Innovationskreislauf – das sogenannte Flywheel – in Gang setzen können. Lesen Sie hier Teil 1 und Teil 2 der Blogbeitrag-Reihe. Nun richtet sich der Blick auf die strategische Ausrichtung von SAP selbst: Wie die neue Business Suite-Strategie das Fundament für diese digitale Transformation bildet und warum sie gerade in regulierten Branchen wie Life Sciences von entscheidender Bedeutung ist.

SAPs neue Business Suite-Strategie im Überblick

SAP definiert die Business Suite der nächsten Generation rund um drei zentrale Säulen:
SAP S/4HANA als digitalen Kern, die Business Data Cloud als Daten- und Integrationsschicht sowie die Business Technology Platform (BTP) als Innovations- und Erweiterungsebene. Ergänzt werden diese durch den generativen KI-Assistenten Joule, der Intelligenz direkt in Geschäftsprozesse einbettet.

Im Zentrum dieser Architektur steht das Konzept des Clean Core: eine standardnahe, wartbare ERP-Basis, die über modulare Erweiterungen flexibel bleibt. Anpassungen und branchenspezifische Innovationen werden nicht mehr direkt im Kern umgesetzt, sondern über die BTP entkoppelt. Das reduziert technische Komplexität, hält Systeme updatefähig und erleichtert Validierungen – ein entscheidender Vorteil für Life-Sciences-Organisationen mit strengen GxP- und Compliance-Vorgaben.

Wesentlich ist dabei die semantische Verknüpfung von Daten aus SAP- und Nicht-SAP-Systemen. Über die Business Data Cloud schafft SAP einen einheitlichen Daten-Layer, auf dem KI-Modelle, Prozessautomatisierungen und Analysen basieren. Damit wird die Vision „Data to Value“ Realität: Daten sind nicht mehr verteilt, sondern zentral steuerbar, nachvollziehbar und validierbar.

Clean Core, BTP und Business Data Cloud – Architektur mit Substanz

Das Clean-Core-Prinzip markiert den Paradigmenwechsel hin zu stabiler Standardisierung bei gleichzeitiger Innovationsfreiheit.
Im SAP-Kontext bedeutet das: Der Kern bleibt möglichst unangetastet, Erweiterungen erfolgen ausschließlich über die BTP – etwa durch APIs, Event-Driven Architecture oder Side-by-Side-Entwicklungen.

Damit dieser Ansatz nicht nur technisch, sondern auch organisatorisch greift, hat adesso den Clean Core Index entwickelt. Es handelt sich dabei um ein Framework, das den Standardisierungsgrad, die Erweiterungsarchitektur und den technischen Schuldenstand bewertet und quantifiziert. Unternehmen erkennen so, wo sie stehen und wie nah sie dem Ziel einer zukunftssicheren, updatefähigen SAP-Landschaft sind.

Die Business Technology Platform (BTP) fungiert als Integrations- und Innovationsschicht dieser neuen Suite. Sie verbindet Daten aus der Business Data Cloud, Applikationen aus der Industry Cloud und externe Services (z. B. IoT, Analytics, AI). Damit entsteht eine plattformübergreifende Architektur, die den Ansatz der „Intelligent Enterprise“ konkret umsetzt – wie unser Kollege Christian Engel in seinem Blogartikel beschreibt: Die BTP sei nicht nur technische Basis, sondern „das strategische Bindeglied zwischen Prozessen, Daten und Innovation“.

Für Life-Sciences-Unternehmen entsteht so eine Balance zwischen stabilen, validierten Kernsystemen und agilen Innovationsumgebungen – eine Voraussetzung für Compliance und digitale Geschwindigkeit zugleich.

KI und Joule: Intelligenz im Geschäftsprozess

Mit Joule, dem generativen KI-Assistenten von SAP, hält künstliche Intelligenz direkt Einzug in die Arbeitsprozesse von Anwendern. Joule nutzt die Business Data Cloud als semantischen Daten-Layer und den SAP Knowledge Graph, um Zusammenhänge zwischen Datenpunkten zu erkennen. So werden Abweichungen, Trends oder Qualitätsrisiken frühzeitig identifiziert und Handlungsempfehlungen automatisch ausgelöst.

Ein Beispiel aus der Life-Sciences-Praxis: Joule kann Produktions- oder Qualitätsdaten mit Chargeninformationen verknüpfen, Abweichungen bewerten und die nächste Freigabestufe vorbereiten – GxP-konform, nachvollziehbar und auditierbar. Damit wird KI nicht zum Add-on, sondern zum integralen Bestandteil validierter Prozesse.

Cloud- und Hybridmodelle: Flexibilität für validierte Systeme

Ein zentraler Baustein der SAP-Strategie ist die hybride Architektur. Programme wie RISE with SAP und GROW with SAP unterstützen Unternehmen beim Übergang von klassischen On-Premise-Systemen hin zu modularen Cloud-Modellen.

Für Life Sciences bedeutet das:

  • Kritische Kernsysteme (z. B. Produktion, Qualitätsmanagement, Validierung) bleiben in kontrollierter, validierter Umgebung.
  • Innovationsszenarien (z. B. KI-Analysen, digitale Lieferketten, Clinical Ops-Integration) laufen parallel in der Cloud.

So entsteht ein ausgewogener Ansatz zwischen Stabilität und Agilität. Die Basis für sichere und gleichzeitig dynamische Transformation.

Wie die neue Business Suite das Flywheel befeuert

Die SAP Business Suite bildet das technologische Rückgrat des zuvor beschriebenen Flywheel-Modells:

  • S/4HANA als stabiler Kern liefert verlässliche Prozess- und Stammdaten.
  • Business Data Cloud integriert Datenquellen und schafft semantische Einheit.
  • BTP und Joule ermöglichen kontinuierliche Innovation und Automatisierung.

Jede dieser Schichten verstärkt die andere: Optimierte Prozesse erzeugen valide Daten, diese speisen KI-Modelle und KI liefert neue Erkenntnisse zur Prozessoptimierung. So entsteht ein selbstverstärkender Kreislauf aus Daten, Wissen und Wertschöpfung – das Flywheel in seiner technischen Form.

Wie adesso business consulting Life-Sciences-Unternehmen begleitet

adesso business consulting unterstützt Unternehmen dabei, die neue SAP Business Suite-Strategie praxisnah umzusetzen: von der System- und Prozessanalyse über Clean-Core-Strategien bis hin zu Daten- und KI-Architekturen auf der BTP.

Schwerpunkte:

  • Roadmaps & Migrationsstrategien für S/4HANA und RISE with SAP,
  • Validierungsfähige Architekturen für regulierte Prozesse,
  • Datenarchitektur-Designs auf Basis der Business Data Cloud,
  • Use-Case-Definitionen für KI und Automatisierung mit Joule,
  • Governance-Modelle für nachhaltige Prozess- und Compliance-Sicherheit.

So werden technische Strategie und Branchenspezifika miteinander verbunden – für eine stabile, skalierbare und zukunftssichere Business-Suite-Architektur.

Ausblick: Von der Architektur zur Umsetzung und darüber hinaus

Mit diesem Artikel wechselt die Serie von der strategischen Architektur-Ebene zur praktischen Umsetzung. Im nächsten Beitrag („SAP Business Suite in der Life-Sciences-Branche“) zeigen wir, wie SAPs Strategie in konkreten End-to-End-Prozessen zum Leben kommt – von klinischer Orchestrierung über Batch-Release bis zur Supply-Chain-Transparenz. Hier wird sichtbar, wie Validierung und digitale Geschwindigkeit ineinandergreifen.

Im anschließenden fünften Teil beleuchten wir dann die Transformationstoolchain der SAP – also jene Werkzeuge und Methoden, mit denen Unternehmen dieses Flywheel technologisch und operativ in Bewegung halten können – von SAP Signavio und Cloud ALM bis zu automatisierten Test- und Validierungs-Frameworks. Damit schließt sich die Brücke zwischen Vision, Architektur und realisierbarer Transformation.

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Ein Beitrag von:

Jan Ammann

Jan Ammann ist Competence Center Lead für Prozessindustrie und Life Sciences und unterstützt unsere Kunden bei ihrer SAP Transformation. Sein Fokus liegt auf Greenfield Projekten und der strategischen Zusammenarbeit mit Life Sciences Kunden. Jan Ammann arbeitet eng mit der SAP daran, branchenspezifische Trends und Anforderungen zu erkennen und Lösungen sowie Beratungsansätze in SAP zu finden.
Alle Beiträge von: Jan Ammann und Stephan Limberg

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