17. Februar 2026

SAP-Architektur 2026: Imperative für Life Sciences

In den vorangegangenen fünf Teilen dieser Serie haben wir die technologische Basis, das strategische „Flywheel“ und die prozessuale Architektur einer modernen Life-Sciences-IT beleuchtet. Doch Technologie existiert nicht im luftleeren Raum. Während wir über S/4HANA-Migrationen und Clean-Core-Strategien diskutieren, verdichten sich am Horizont die Anzeichen für eine tektonische Verschiebung.

Ergänzend zum Start der Reihe, wie in Teil 1 beschrieben, zeichnet sich das Jahr 2026 als der Moment ab, in dem regulatorischer Druck, geopolitische Neuordnung und technologische Reifegrade unweigerlich kollidieren. Laut dem Global Life Sciences Outlook 2026 von Deloitte blicken Führungskräfte in Europa zwar optimistisch in die Zukunft, identifizieren jedoch geopolitische Instabilitäten als das Top-Risiko. Die Besorgnis steigt um 20 % im Vergleich zum Vorjahr. Wer seine IT-Transformation bis dahin nicht als strategisches Asset begriffen hat, wird in der „Sandwich-Falle“ zwischen den USA und China zerrieben.

Die geopolitische Realität: Europa unter Zugzwang

Wie Alexander Tarlatt in seiner Analyse der globalen Dynamik pointiert darstellt, verschieben sich die Kraftzentren. Die USA forcieren durch protektionistische Anreize und massive Investitionen die Rückverlagerung kritischer Produktionen, während China mit einer Skalierung und Geschwindigkeit agiert, die europäische Player unter enormen Margendruck setzt.

Das Handelsblatt bezeichnet 2026 treffend als Schlüsseljahr für die Branche. Wir erleben eine Zeit, in der Resilienz kein abstraktes Schlagwort mehr ist, sondern eine harte Kennzahl in der Bilanz.

Die IT-Implikation: Ein ERP-System darf 2026 nicht mehr nur „System of Record“ sein. Es muss zum „System of Intelligence“ transformiert werden. Wenn Lieferketten aufgrund geopolitischer Spannungen innerhalb von Stunden reißen, ist die SAP Toolchain – insbesondere die Integration von SAP IBP (Integrated Business Planning) und dem Business Network – das einzige Instrument, um durch Echtzeit-Szenarien-Planung die Handlungsfähigkeit zu wahren. Ein statisches ERP ist 2026 ein existenzielles Risiko.

EHDS: Der European Health Data Space als Gamechanger

Ein bisher oft unterschätzter Faktor in der digitalen Roadmap ist der European Health Data Space (EHDS). Ziel der EU ist es, einen Binnenmarkt für Gesundheitsdaten zu schaffen, der sowohl die Primärnutzung (Patientenversorgung) als auch die Sekundärnutzung (Forschung) revolutioniert. Laut Schätzungen der EU-Kommission könnten durch den EHDS bis zu 11 Milliarden Euro eingespart und das Wachstum im digitalen Gesundheitssektor um 20-30 % gesteigert werden.

Für Life Sciences Unternehmen bedeutet dies: Der Zugriff auf reale Patientendaten (Real World Data) wird standardisierter, aber auch an strengere technologische Compliance-Hürden geknüpft. 2026 wird das Jahr sein, in dem Unternehmen nachweisen müssen, dass ihre Systeme „EHDS-ready“ sind.

Hier schließt sich der Kreis zu unserer Diskussion über die SAP Business Technology Platform (BTP). Um EHDS-Daten sinnvoll zu nutzen und gleichzeitig die GxP-Compliance zu wahren, benötigen Unternehmen eine Orchestrierungsschicht, die Datenhoheit, Sicherheit und Interoperabilität garantiert. Die Toolchain, die wir in Teil 5 besprochen haben, liefert genau das Fundament: Eine saubere Trennung von regulatorischem Kern und innovativen Daten-Services.

Die regulatorische Zangenbewegung: EU AI Act und GxP

Parallel zum EHDS schlägt im August 2026 der EU AI Act voll durch. Für die Pharma- und MedTech-Branche bedeutet dies eine doppelte Herausforderung: KI-Anwendungen müssen nicht nur den strengen GxP-Validierungskriterien (CSV) entsprechen, sondern auch die neuen EU-Anforderungen an Transparenz und Risikomanagement für KI erfüllen.

Dies führt uns zurück zur Kern-Strategie dieser Blogreihe: Clean Core. Innovationen in der Wirkstoffforschung oder der automatisierten Dokumentation von Clinical Trials werden künftig über KI gesteuert. Wenn diese Algorithmen jedoch auf einer „verunreinigten“ Datenbasis in einem über Jahrzehnte modifizierten SAP-System operieren, ist eine Validierung (IQ/OQ/PQ) faktisch unmöglich. Ein aktueller Report von Simon-Kucher betont zudem, dass „Human-in-the-Loop AI“ zum Standard in Preisgestaltung und Marktzugang wird. Ohne eine saubere Datenstruktur in SAP BTP lassen sich diese Wettbewerbsvorteile schlicht nicht realisieren.

Wirtschaftlicher Druck: M&A und Effizienz als Treiber

Laut dem PwC US Deals Outlook 2026 steht die Branche vor einer massiven Welle von Patentabläufen (Loss of Exclusivity, LOE). Dies wird den Druck auf M&A-Aktivitäten erhöhen, um die Pipelines zu füllen.

Für die IT bedeutet das: Carve-out- und Post-Merger-Integration-Fähigkeit wird zur strategischen Kernkompetenz. Wer Monate braucht, um ein akquiriertes Unternehmen in die eigene SAP-Landschaft zu integrieren, verliert wertvolle Cashflow-Zeit. Unsere in Teil 4 beschriebene Prozessarchitektur auf Basis von SAP Best Practices ist hier kein „Nice-to-have“, sondern der Enabler für schnelles anorganisches Wachstum.

Fazit: Vom Flywheel zur Realität

Wir haben diese Serie mit der Frage begonnen, wie die Life Sciences Branche der Zukunft aussieht. Über das Flywheel-Modell und die technologische Toolchain haben wir uns zum strategischen Kern, wie hier in Teil 3 und Teil 4, vorgearbeitet.

2026 ist kein fiktives Datum mehr. Es ist der Point-of-no-Return. Die Unternehmen, die heute die Weichen auf eine modulare, cloud-basierte und datengetriebene SAP-Landschaft stellen, werden 2026 die Gewinner sein. Sie werden diejenigen sein, die:

  1. Geopolitische Schocks durch resiliente Supply Chains abfedern.
  2. Durch EHDS-Integration schneller forschen und validierte Real World Evidence nutzen.
  3. KI-Anwendungen rechtssicher nach dem EU AI Act skalieren.
  4. Den Margendruck durch radikale Prozessautomatisierung und M&A-Agilität kompensieren.

Die in Teil 5 beschriebene Toolchain ist das Werkzeug. Das in Teil 2 beschriebene Flywheel ist der Motor. Doch der Treibstoff ist der Mut der Entscheider, die digitale Transformation nicht länger als IT-Projekt, sondern als das zentrale strategische Programm zur Sicherung der globalen Wettbewerbsfähigkeit zu begreifen. Wenn Sie Ihre SAP-Landschaft umstellen wollen, kommen Sie gerne auf adesso business consulting zu. Wir unterstützen Sie!

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Jan Ammann

Jan Ammann ist Competence Center Lead für Prozessindustrie und Life Sciences und unterstützt unsere Kunden bei ihrer SAP Transformation. Sein Fokus liegt auf Greenfield Projekten und der strategischen Zusammenarbeit mit Life Sciences Kunden. Jan Ammann arbeitet eng mit der SAP daran, branchenspezifische Trends und Anforderungen zu erkennen und Lösungen sowie Beratungsansätze in SAP zu finden.
Alle Beiträge von: Jan Ammann und Stephan Limberg

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