5. Januar 2026

Die Zukunft der Life-Sciences-Branche

Die Pharma- und Life-Sciences-Branche befindet sich inmitten eines tiefgreifenden Wandels. Die Zeit der „klassischen“ Blockbuster-Medikamente – ein Präparat, Milliardenumsatz, jahrzehntelanger Patentschutz – geht zwar nicht abrupt zu Ende, doch das Blockbuster-Prinzip lebt in neuer Form weiter. Die Marktlogik verändert sich, aber sie verschwindet nicht. So sieht die Zukunft der Life-Sciences-Branche aus.

Abb. 1: Die Zukunft der Life-Sciences-Branche

Das Blockbuster-Modell im Wandel

Während etablierte Blockbuster in den vergangenen Jahren durch Patentabläufe und Generika-Wettbewerb Umsatzverluste erlitten, rücken neue Therapiefelder in den Vordergrund. Besonders im Bereich der GLP-1-basierten Adipositas- und Diabetesmedikamente entsteht ein riesiger Markt. Studien wie jene von J.P. Morgan Research und Goldman Sachs erwarten bis 2030 ein weltweites Marktpotenzial von über 100 Milliarden US-Dollar – getrieben von Wirkstoffen wie Semaglutid (Novo Nordisk) und Tirzepatid (Eli Lilly).

Gleichzeitig entstehen neue Wachstumsfelder in der Onkologie, der Gen- und Zelltherapie sowie bei seltenen Erkrankungen. Damit zeigt sich: Das Blockbuster-Modell ist keineswegs überholt sondern wandelt sich. Der Fokus verschiebt sich von „One size fits all“ hin zu spezialisierten, teils personalisierten Therapien mit hoher Wirksamkeit und klarer Marktpositionierung. Auch die Wege zur Vermarktung verändern sich: Kooperationen, Plattformstrategien, Lizenzmodelle und datenbasierte Entwicklungen treten zunehmend an die Stelle reiner Inhouse-Forschung.

Neue Geschäftsmodelle für eine neue Realität

Mit der technologischen Weiterentwicklung verändern sich auch die Geschäftsmodelle der Branche. Während klassische Strategien auf Patentschutz und langfristige Umsatzströme setzten, erfordern moderne Ansätze mehr Agilität, Partnerschaftlichkeit und Plattformdenken.

Modelle wie „Cure as a Service“, bei denen Therapien als kombinierte Dienstleistung aus Wirkstoff, Diagnostik und digitaler Begleitung angeboten werden, gewinnen an Bedeutung. Ebenso rücken Kombinationslösungen aus Medikament und MedTech – etwa digitale Inhalatoren, Wearables oder Companion Apps – stärker in den Fokus. Pharmaunternehmen entwickeln sich damit von reinen Präparateanbietern zu integrierten Lösungsanbietern entlang des gesamten Behandlungspfads.

Gleichzeitig stellen sich Unternehmen auf kürzere Produktlebenszyklen ein. Der Patent-Cliff trifft viele etablierte Blockbuster hart, während neue Medikamente schneller ersetzt oder ergänzt werden. Das zwingt Unternehmen dazu, Risiken im Bereich Forschung und Entwicklung (F&E) zu streuen – etwa durch Venture-Modelle, gezielte In-Licensing-Strategien oder Co-Development mit spezialisierten Biotech-Partnern.

Präzise, personalisiert und kommerziell erfolgreich

Die Entwicklung zielgerichteter Therapien hat in den letzten Jahren stark an Dynamik gewonnen – nicht nur medizinisch, sondern auch wirtschaftlich. Präzisionsmedizin, wie sie bei mRNA-Impfstoffen genutzt wurde, basiert auf populationsbezogenen Daten für die Wirkstoffauswahl. Personalisierte Medizin geht einen Schritt weiter und setzt auf patientenspezifische Verfahren – wie CAR-T-Zelltherapien, bei denen individuelle Immunzellen modifiziert werden.

Technologien wie CRISPR/Cas9 bringen zusätzliche Dynamik in die Onkologie und die Behandlung seltener Erkrankungen. Sie ermöglichen präzisere Eingriffe bei geringerem Nebenwirkungsrisiko und eröffnen neue Ansätze in Diagnostik und Prävention. Auch diese hochspezialisierten Medikamente können Blockbuster-Potenzial entfalten – allerdings mit anderer Marktdurchdringung und fragmentierteren Zielgruppen. Wirtschaftlicher Erfolg ergibt sich zunehmend aus gezielter Patientenselektion, schneller Markteinführung und intelligenter Versorgungsgestaltung.

Kooperation statt Silodenken: Allianzen als strategischer Hebel

Die rasante Entwicklung des ersten mRNA-Impfstoffs durch BioNTech und Pfizer steht sinnbildlich für eine neue Kooperationslogik in der Branche. Inzwischen ist klar: Kein Unternehmen kann alle Kompetenzen allein vorhalten, um komplexe Wirkstoffinnovationen schnell, sicher und skalierbar auf den Markt zu bringen.

Immer mehr Pharmafirmen setzen auf strategische Allianzen mit Biotech-Start-ups, Co-Commercialization-Modelle und regionale Lizenzierungsdeals. Dieser Trend zur Arbeitsteilung erfordert allerdings neue Governance-Strukturen, abgestimmte Datenarchitekturen und ein gemeinsames regulatorisches Verständnis – alles keine Selbstverständlichkeit, aber entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit.

Regulatorik & Sicherheit: Vom Engpass zur Chance

Mit zunehmender Komplexität von Therapien, Datennutzung und Lieferketten steigen die Anforderungen an Sicherheit, Transparenz und Compliance. Datenschutz und Cybersicherheit werden geschäftskritisch, Serialisierung und Rückverfolgbarkeit detaillierter und globaler. Systeme zur Nachweisführung – Audit Trails, Validierung – gewinnen an Relevanz.

Wer regulatorische Exzellenz frühzeitig integriert, verbessert nicht nur seine Sicherheitslage, sondern auch seine Time-to-Market und Kooperationsfähigkeit. Wie Deloitte in seinem Life Sciences Outlook 2025 betont, wird regulatorische Agilität zunehmend zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor.

Datengestützte Entscheidungen: Von der Intuition zur Evidenz

Die Digitalisierung ermöglicht eine völlig neue Form der Entscheidungsfindung – von der Forschung bis zum Point-of-Care. Unternehmen, die heute in integrierte Datenlandschaften, Echtzeit-Transparenz und analytische Intelligenz investieren, verschaffen sich einen massiven Vorsprung.

Laut einer aktuellen Studie von ZS Associates planen 93 % der Life-Sciences-Technologieverantwortlichen bis 2025 erhöhte Investitionen in Daten, Digitalisierung und KI. Beispiele reichen von IoT-gestützter Produktion über Smart Trials und Real-World Evidence bis zu Simulationsmodellen für Lieferkettenrisiken. Daten sind der Schlüssel, aber nur, wenn sie verbunden, vernetzt und nutzbar gemacht werden.

Der digitale Kern – digital, vernetzt, vorausschauend

Wir stehen vor einer tiefgreifenden Digitalisierung und Automatisierung der Life-Sciences-Branche mit dem Ziel, Geschäftsprozesse nicht nur effizienter, sondern auch intelligenter und adaptiver zu gestalten. Produktionsprozesse, Lieferketten, Forschung und Patientenzugänge sollen so miteinander vernetzt werden, dass Risiken frühzeitig erkannt, proaktiv adressiert und kontinuierlich optimiert werden können.

Dafür braucht es mehr als punktuelle Digitalisierungsinitiativen. Unternehmen benötigen eine integrierte, datenzentrierte Plattformarchitektur, die interne und externe Datenquellen in Echtzeit zusammenführt – von Sensorwerten über Lieferantendaten bis zu regulatorischen Anforderungen weltweit.

Hier setzt SAP S/4HANA als digitaler Motor der Branche an. Die Plattform unterstützt nicht nur klassische ERP-Prozesse wie Finance, Supply Chain und Produktion, sondern ist offen für modernste Technologien. Laut SAP ist insbesondere die Industry Cloud für Life Sciences und Healthcare ein entscheidender Hebel, um Innovation zu beschleunigen und regulatorische Sicherheit zu gewährleisten.

Doch der Kern allein reicht nicht aus – nachhaltige Transformation entsteht erst durch einen Kreislauf aus Innovation, Prozessoptimierung und datengestützter Entscheidungsfindung.

Geopolitische und makroökonomische Treiber: Was Life Sciences zusätzlich bewegt

Ein Aspekt, der zunehmend Bedeutung gewinnt, ist die geopolitische Dimension. Globalisierung, regionale Diversifizierung und neue regulatorische Rahmenbedingungen verändern die Spielregeln. Die EU und die USA fördern aktiv heimische Wertschöpfung, um die Abhängigkeit von asiatischen Lieferketten zu reduzieren.

Für Unternehmen bedeutet das: Strategien zur geografischen Diversifikation von Produktion und F&E müssen stärker berücksichtigt werden, regulatorische Harmonisierung wird zum Wettbewerbsfaktor und Investoren fordern mehr Resilienz und Transparenz in der Supply Chain. Transformation ist damit nicht nur technologisch, sondern auch strategisch getrieben.

Wie adesso business consulting in diesem Kontext unterstützen kann

adesso business consulting begleitet Unternehmen der Life-Sciences-Branche als strategischer und technologischer Partner auf Ihrem Weg zur digitalen Transformation. Die Kombination aus tiefem Branchen-Know-how und SAP-Kompetenz ermöglicht es, komplexe Programme effizient und validierungsfähig umzusetzen – von der S/4HANA-Implementierung oder Conversion über Validierungs- und Serialisierungsszenarien bis hin zu Data- & -AI-Projekten auf der SAP BTP.

Darüber hinaus unterstützen wir bei der Entwicklung von Transformations-Roadmaps, beim Aufbau resilienter Lieferketten und bei der Integration von Partnern über die SAP Industry Cloud. So gelingt der Spagat zwischen regulatorischen Anforderungen, technologischer Innovation und nachhaltiger Wirtschaftlichkeit mit einem klaren Fokus auf Qualität, Compliance und messbarem Mehrwert. Lesen Sie hier im Blogartikel mehr dazu.

Ausblick: Das Flywheel der digitalen Transformation

Im nächsten Beitrag dieser Serie („Das Flywheel der digitalen Transformation“) zeigen wir, wie Unternehmen diesen Kreislauf praktisch aufbauen – vom stabilen ERP-Fundament über Prozessoptimierung und KI-Integration bis hin zum selbstverstärkenden Innovationszyklus. Das Flywheel steht dabei sinnbildlich für einen Mechanismus, der sich mit jedem Schritt weiter beschleunigt: digitale Exzellenz als kontinuierlicher, datengetriebener Fortschrittsprozess.

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Ein Beitrag von:

Jan Ammann

Jan Ammann ist Competence Center Lead für Prozessindustrie und Life Sciences und unterstützt unsere Kunden bei ihrer SAP Transformation. Sein Fokus liegt auf Greenfield Projekten und der strategischen Zusammenarbeit mit Life Sciences Kunden. Jan Ammann arbeitet eng mit der SAP daran, branchenspezifische Trends und Anforderungen zu erkennen und Lösungen sowie Beratungsansätze in SAP zu finden.
Alle Beiträge von: Jan Ammann und Stephan Limberg

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