Mit der SAP Messkonzeptverwaltung (MKV) stellt SAP im Rahmen der Distributed Energy Resources erstmals eine cloudbasierte Lösung zur Verfügung, mit der Netz- und Messstellenbetreiber ihre Messstellen zentral und systematisch verwalten können. Im Zuge der SAP S/4HANA Utilities Transformation wird es für Energieversorgungsunternehmen möglich, diese Lösung produktiv einzusetzen und damit einen wesentlichen Baustein ihrer zukünftigen IT-Architektur zu etablieren. Für Lieferantensysteme kommt die Cloud nicht zum Einsatz – die MKV-Prozesse leisten hier den Stammdatenaufbau im Rahmen der Marktkommunikationsprozesse, die wir in einem eigenen Artikel betrachten.
Die MKV adressiert eine zentrale Herausforderung der Branche: Die zunehmende Komplexität von Messstellen durch intelligente Messsysteme und dezentrale Erzeugungsanlagen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Datenqualität, Prozessdurchlaufzeiten und -automatisierung. Die MKV Cloud und der zugehörige Adapter für S/4HANA Utilities setzen genau hier an – im Zusammenspiel funktionieren sie als zentrale Drehscheibe für Änderungsprozesse an den Stammdaten einer Messstelle. SAP etabliert hierfür eine ganzheitliche Sicht auf die Prozesse – vom Auftragseingang eines Netzanschlusses über die Zählermontage bis hin zur erfolgreichen Anmeldung beim Lieferanten.
Wir beantworten die wichtigen Fragen, die sich Energieversorger vor der Einführung stellen: Welche Funktionen bietet die MKV? Welche Chancen und Herausforderungen bietet eine MKV Einführung? Warum handelt es sich nicht nur um eine technische Neuerung, sondern um ein neues Prinzip, welches ein Umdenken in Bezug auf die Prozesse und Stammdaten erfordert?
Diese Funktionen bietet die Messkonzeptverwaltung
Zentrale Sicht auf die Messstelle
Ein wesentlicher Mehrwert der MKV ist die zentrale Übersicht über alle relevanten Informationen einer Messstelle. In neuen Fiori Apps erhalten Anwender:innen und Key User in der Cloud eine konsolidierte Sicht auf technische und kaufmännische Zusammenhänge. Die MKV bündelt die Informationen und verteilt diese über mehrere Systeme hinweg. So sind relevante Daten zu einer Messstelle wie Markt- und Messlokationen, Berechnungsformeln und der Prozessstatus gebündelt verfügbar.

Cloud-Integration und flexible Einbindung in die Systemlandschaft
Die MKV ist als Cloud-Lösung konzipiert und lässt sich flexibel in bestehende IT-Landschaften integrieren. Über standardisierte oData API-Schnittstellen können externe Systeme angebunden werden, beispielsweise Netzanschlussportale oder kundeneigene Frontends. Die Cloud fungiert dabei als führendes System für Messkonzepte, während die Verarbeitung der Stammdaten weiterhin im SAP S/4HANA Utilities System erfolgt.
Durch Erweiterungsmöglichkeiten im Datenmodell der MKV sowie der ereignisbasierten Kommunikation über SAP Event Mesh lassen sich Prozesse flexibel steuern und die Systeme lose koppeln – dadurch werden zusätzliche Schnittstellen eingespart. Relevante Meilensteine im Stammdatenaufbauprozess wie beispielsweise die Auftragserstellung, Zählermontage und der kaufmännische Aufbau lassen sich durch Ereignisse innerhalb der Systemlandschaft verteilen.

Zentraler Messkonzeptkatalog als fachliche Basis
Ein zentrales Element der MKV ist der Messkonzeptkatalog in der Cloud. In diesem Katalog werden alle im Unternehmen relevanten Messkonzepte definiert und gepflegt. Beispielsweise können Messkonzepte für Bezug, Bezug mit Einspeisung oder Volleinspeisung definiert werden. Ein Messkonzept besteht aus diesen Bausteinen:
- Markt- und Messlokationen
- Verbraucher und Erzeuger wie z. B. Wallboxen, Photovoltaikanlagen, Speicher oder Wärmepumpen
- Messaufgaben nach dem Standardlastprofilverfahren oder der registrierenden Leistungsmessung sowie Energierichtung und OBIS-Kennziffer
- Berechnungsformeln für Abrechnung, Netznutzung, Bilanzierung sowie Mehr- und Mindermengen
- Lokationsbündelstrukturen
Die Messtechnik selbst ist kein Merkmal eines Messkonzepts, somit können konventionelle, moderne und intelligente Messeinrichtungen im gleichen Messkonzept zum Einsatz kommen. Messkonzepte lassen sich jeweils für die deregulierten Sparten Strom und Gas sowie die Monopolsparten Wasser und Fernwärme definieren.
SAP führt in der Cloud neue Begriffe für den Messkonzeptkatalog und die Messstellen selbst ein und schafft damit eine gemeinsame fachliche Sprache über Abteilungen hinweg. Der Messkonzeptkatalog besteht aus Messkonzeptklassen und Messkonzeptmodellen und dient als standardisierter Baukasten, aus dem sich individuelle Messstellenkonfigurationen (Messkonzeptinstanzen) ableiten lassen. Die Messkonzeptklassen dienen zur Abbildung der physikalischen Sicht. Aufbauend auf den Klassen werden die Messkonzeptmodelle für die kaufmännische Sicht definiert.

Automatisierte Stammdatenprozesse im S/4HANA Utilities System
Die MKV unterstützt den Lebenszyklus einer Messstelle, von der Neuanlage über Änderungen bis hin zur Stilllegung. Änderungen an der Messstelle, z. B. durch den Zubau einer Erzeugungsanlage, werden prozessual gesteuert und im S/4 System durch den MKV Backend Adapter konsistent umgesetzt. So wird sichergestellt, dass die Stammdaten nach einem einheitlichen Schema aufgebaut werden. Der Backend Adapter stellt die technische Verbindung mit der Cloud sicher und besteht aus Prozessen und Customizing-Tabellen, in denen kundenspezifische Regeln definiert werden können.
Der Ablauf eines MKV-Laufs lässt sich vereinfacht in zwei Schritte gliedern:
- Parametrierung in der MKV Cloud
Grundlegende Anschlussdaten wie Adresse, Geschäftspartner und ein ausgewähltes Messkonzeptmodell werden aus einem Vorsystem an die MKV übergeben. Auf dieser Basis stößt die Cloud automatisiert einen Neuanlage- oder Änderungsprozess an. Die Cloud-Daten dienen dabei als strukturelles Grundgerüst für die Stammdaten im S/4. - Automatischer Aufbau und Verfeinerung im Utilities System
Die Daten werden in das S/4 gespiegelt und eine Prozesskette gestartet. Die Prozesse stellen sicher, dass Stammdaten nur entlang vordefinierter und geprüfter Ableitungsregeln aufgebaut oder verändert werden.- Markt- und Messlokationen aus der Cloud werden konsistent übernommen.
- Technische Stammdaten wie Anschlussobjekt, Verbrauchsstelle, Geräteplatz, Versorgungsanlagen, Lastprofile, Geräte- und Zählwerksattribute werden regelbasiert angelegt.

Die Chancen einer MKV-Implementierung
Automatisierung und Erweiterbarkeit
Beim Wechsel von konventionellen zu modernen Messeinrichtungen oder beim Rollout intelligenter Messsysteme müssen zahlreiche technische und abrechnungstechnische Attribute angepasst werden. Auch Kund:innen mit Photovoltaikanlagen sind auf eine reibungslose Zusammenarbeit mit Messstellen- und Netzbetreibern angewiesen. Der hohe Automatisierungsgrad der MKV beschleunigt und vereinheitlicht diese Prozesse und kann so auch die Fachbereiche entlasten.
Um die nötige Flexibilität zu gewährleisten, bietet SAP innerhalb der Prozesse zu jeglichen Stammdaten kundenspezifische Erweiterungsspots an. Diese können genutzt werden, um die Prozesse an die Bedarfe des Unternehmens anzupassen und eigene Ermittlungslogiken zu implementieren, die über Komplexität der im Standard angebotenen Customizing-Tabellen hinausgehen.
Die Energiewirtschaft entwickelt sich dynamisch, zukünftige Konzepte wie Energy Sharing und Mieterstrommodelle stellen wachsende Anforderungen an die Daten und Prozesse dar. In diesen Bereichen können die Energieversorger von zukünftigen Auslieferungen der SAP profitieren.
Sicherung der Stammdatenqualität
Damit die Stammdaten im S/4 konsistent bleiben, führt die MKV während der Prozessausführung zahlreiche Prüfungen durch, welche sich klar an den im Backend Adapter konfigurierten Regeln orientieren. So wird eine „Wareneingangskontrolle“ neuer Daten im System durchgeführt. Fehler werden frühzeitig erkannt und über Klärfälle ausgesteuert, sodass die Datenqualität hoch bleibt.
Die bereitgestellten MKV-Prozesse und Standardfunktionen verarbeiten die Stammdaten gemäß dem SAP-Stammdatenreferenzmodell. Dieses beinhaltet Stammdatenempfehlungen für den deutschen Energiemarkt zur Abbildung von unterschiedlichen Messstellen je nach Marktrolle des Versorgungsunternehmens und durch die Ausprägung des Backend-Adapters lassen sich so unterschiedlichste Stammdatenvariationen konfigurieren und verarbeiten.

Integration
Die MKV ist eng mit bestehenden Geräte- und Marktprozessen im S/4HANA Utilities System verzahnt. Sie fügt sich in die vorhandene Prozesslandschaft ein und nutzt etablierte Frameworks für die Prozesssteuerung.
- Das APE Framework bildet als Prozess-Engine den technischen Unterbau für alle regulatorischen Prozesse im S/4.
- Über das MDX-Framework werden Stammdatenänderungen auf Datenbankebene überwacht und automatisiert an die relevanten Marktpartner versendet.
Insbesondere die Geräteprozesse für konventionelle, moderne und intelligente Messgeräte werden durch die MKV-Prozesse gesteuert und führen die Geräteaktionen im Einklang mit dem Messkonzeptmodell durch.

Welche Herausforderungen sind bei der Einführung zu berücksichtigen?
Klare Stammdatenverantwortung
Die Einführung der MKV wirft zentrale organisatorische Fragen auf. Eine der wichtigsten ist die Stammdatenverantwortung: Liegt diese zentral oder verteilt über mehrere Fachabteilungen? Die MKV macht diese Frage sichtbar und erfordert klare Entscheidungen.
Darüber hinaus muss ein abteilungsübergreifend abgestimmter Messkonzeptkatalog aufgebaut werden. Die Cloud fungiert hierbei als Baukasten für unternehmensspezifische Messkonzepte, deren Inhalte fachlich und technisch sauber definiert sein müssen.
Ausprägung der Prozesse auf die eigenen Bedarfe
In der Systemlandschaft moderner Energieversorgungsunternehmen ist eine Vielzahl unterschiedlicher Systeme im Einsatz. Vom Portal für Netzanschlüsse bis hin zur Verwaltung der Monteursaufträge und Energiedaten, um einheitliche Prozesse zu gewährleisten, müssen die nötigen Schnittstellen geschaffen werden, damit die Systeme durch die MKV zum richtigen Zeitpunkt gesteuert werden können.
Darüber hinaus ist es erforderlich, ein festes Regelwerk für Stammdatenattribute gemeinsam mit allen beteiligten Fachbereichen zu erarbeiten, welches als Grundlage für die sorgfältige Ausprägung des MKV Backend Adapters dient. Über die Einstellungen im Customizing und programmtechnische Anpassungen werden die Anforderungen ins System gebracht. Wir helfen unseren Kunden bei dieser Herausforderung – Sprechen Sie uns an.
Migration und Bereinigung
Eine konsistente Datenbasis ist Voraussetzung für die Einführung der MKV. Die Lösung selbst übernimmt keine Bereinigung bestehender Daten, sondern verarbeitet nur bereits harmonisierte Stammdaten, deshalb müssen die Bestandsdaten aus dem IS-U vor der Migration umfassend analysiert, bereinigt und eindeutig einem Messkonzeptmodell zugeordnet werden. Für diese Systemvermessung kann der Einsatz spezialisierter Lösungen sinnvoll sein.
Für die Wahl eines geeigneten Migrations- und Betriebsansatzes ist die Komplexität der vorhandenen Messstellen entscheidend. Während der Großteil standardisiert migriert werden kann, erfordern komplexe Sonderfälle individuelle Lösungen. Ein 100%-Ansatz zielt darauf ab, alle Konstrukte vollständig in der MKV abzubilden. Alternativ kann ein Hybrid-Ansatz gewählt werden, bei dem besonders komplexe Sonderfälle zunächst außerhalb der MKV verbleiben. Durch kontinuierliches Monitoring, gezielte Bereinigung und schrittweise Harmonisierung der Stammdaten kann der MKV-Anteil schrittweise erhöht werden.

Fazit
Die SAP Messkonzeptverwaltung ist ein wesentlicher Bestandteil von S/4HANA Utilities und unterstützt Versorgungsunternehmen auf dem Weg zu einer stärker automatisierten und cloudbasierten Systemlandschaft. Sie schafft klare Strukturen für Messkonzepte, erhöht die Transparenz von Stammdaten und Prozessen und ermöglicht eine durchgängige Automatisierung über den gesamten Lebenszyklus einer Messstelle.
Gleichzeitig wird deutlich: Die Einführung der MKV ist weit mehr als eine technische Implementierung. Sie erfordert organisatorischen Wandel, klare Verantwortlichkeiten und eine abgestimmte fachliche Grundlage. Werden diese Voraussetzungen geschaffen, entsteht eine stabile und konsistente Basis für nachhaltige Prozesse im Energieversorgungsunternehmen.
Wir von adesso begleiten Sie dabei ganzheitlich im Rahmen Ihrer S/4HANA-Transformation von der fachlichen Konzeption über die technische Umsetzung bis hin zur Migration. Wir freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme!




