Der Wechsel von SAP GUI zu SAP Fiori ist weit mehr als ein Design-Update. In der S/4HANA-Welt wird die Benutzeroberfläche zu einem strategischen Treiber der digitalen Transformation. Statt reiner Dateneingabe ermöglicht der rollenbasierte Ansatz von Fiori eine fundamentale Neugestaltung der Arbeit: Prozesse fließen effizienter und Entscheidungen werden auf Basis von Echtzeitdaten getroffen.
Der Paradigmenwechsel: Von der Funktion zur Rolle
Um die Tragweite der Veränderung zu verstehen, muss die historische Entwicklung betrachtet werden. Das SAP GUI war über Jahrzehnte das Rückgrat der SAP-Systeme und wurde in einer Ära entworfen, in der funktionale Tiefe und die Maximierung der Eingabegeschwindigkeit für Expert:innen die oberste Priorität hatten. Die Benutzeroberfläche war systemzentriert aufgebaut, was bedeutet, dass die Anwender:innen die Architektur des Systems – etwa die Modulstrukturen von FI, CO, MM oder SD – verstehen mussten, um die Aufgaben zu erfüllen. Die Navigation erfolgte primär über Transaktionscodes, kurz T-Codes, die von erfahrenen Anwender:innen oft auswendig gelernt wurden. Ein einziger T-Code wie die VA01 (Kundenauftrag anlegen) konnte hunderte von Feldern enthalten, von denen für eine spezifische Aufgabe oft nur ein Bruchteil relevant war. Diese „Ein T-Code für alles“-Mentalität führte zu einer enormen funktionalen Dichte, aber auch zu einer steilen Lernkurve und einer hohen kognitiven Belastung für Gelegenheitsnutzer.


SAP Fiori hingegen bricht mit dieser Tradition und führt ein benutzerzentriertes Designparadigma ein. Das Design basiert auf dem Prinzip der Aufgabenorientierung. Anstatt eine universelle Transaktion für alle denkbaren Szenarien bereitzustellen, zerlegt Fiori komplexe Geschäftsprozesse in kleine, aufgabenbezogene Apps. Jede App ist auf eine spezifische Benutzerrolle zugeschnitten und zeigt nur die Informationen und Funktionen an, die für die Erledigung der jeweiligen Aufgabe zwingend erforderlich sind. Dieser Ansatz reduziert die Komplexität drastisch und ermöglicht eine intuitive Bedienung, die eher an moderne Consumer-Apps erinnert als an klassische Unternehmenssoftware.
Die technologische Basis dieses Wechsels ist das SAPUI5-Framework, das auf offenen Webstandards wie HTML5, CSS3 und JavaScript basiert. Dies ermöglicht eine responsive Gestaltung, die sicherstellt, dass die Anwendungen auf Desktops, Tablets und Smartphones gleichermaßen performant und ansprechend funktionieren. Während das SAP GUI eine lokale Installation auf dem Endgerät erforderte und eng an das Betriebssystem gebunden war, ist SAP Fiori vollständig webbasiert und geräteunabhängig. Dies markiert den Übergang von einer starren, ortsgebundenen hin zu einer flexiblen, mobilen Arbeitsweise.
Vergleich der Designprinzipien und technologischen Grundlagen
| Merkmal | SAP GUI (Klassisch) | SAP Fiori (Modern) |
| Designfokus | Funktionsorientiert („Was kann das System?“) | Rollenbasiert („Was müssen die Nutzer:innen tun?“) |
| Hauptnavigation | Menühierarchien und T-Codes | Apps, Suche und Benachrichtigungen |
| Interaktionsmodell | Formularbasiert, hohe Datendichte | Aufgabenfokussiert, informationsgesteuert |
| Technologie | ABAP Dynpro (Proprietär) | SAPUI5 (HTML5, JavaScript, OData) |
| Deployment | Lokale Desktop-Installation | Web-Browser |
| Anpassbarkeit | Begrenzt auf technische Varianten | Hohe Personalisierung durch die Nutzer:innen |
| Analytik | Getrennt vom operativen Prozess | Eingebettet (Real-Time Insights) |
Dieser technologische Sprung ermöglicht auch die Integration von „Embedded Analytics“. Während Anwender:innen im SAP GUI oft zwischen operativen Transaktionen und separaten Reporting-Tools wechseln mussten, bringt Fiori analytische Einblicke direkt in den Arbeitsprozess. Einkäufer:innen sehen bereits auf ihrer Startseite durch dynamische Kacheln, wie viele Bestellungen überfällig sind, und können direkt aus der Analyse heraus in die Bearbeitung springen.
Mögliche Umsetzungsstrategien: Fiori Only, Fiori First oder Mixed Approach
Für Unternehmen, die den Umstieg auf S/4HANA planen, ist die Entscheidung über die künftige UX-Strategie von zentraler Bedeutung für das Projektbudget, den Zeitplan und die spätere Akzeptanz im Fachbereich. Es gibt verschiedene strategische Pfade, die je nach Unternehmensgröße, IT-Reife und Anwenderstruktur gewählt werden können.

Fiori Only: Die Vision der maximalen Modernisierung
Die „Fiori Only“-Strategie zielt auf eine vollständige Ablösung des SAP GUI ab. In diesem Szenario interagieren alle Anwender:innen ausschließlich über das Fiori Launchpad mit dem System. Dies ist der radikalste Ansatz, der jedoch konsequent die Vorteile der neuen Welt nutzt. Er ist der Standard für Organisationen, die sich für die S/4HANA Public Cloud entscheiden, da dort kein technischer Zugang über das klassische GUI mehr vorgesehen ist, aber ebenso auch für die Private Cloud und On Premise möglich.
Die Vorteile liegen in einer drastisch vereinfachten IT-Infrastruktur, da keine GUI-Clients mehr verteilt und gewartet werden müssen. Zudem wird das „Clean Core“-Prinzip gefördert, da Erweiterungen primär über moderne Web-Technologien und die SAP Business Technology Platform (BTP) realisiert werden. Die kritische Frage bei diesem Ansatz bleibt jedoch die funktionale Tiefe. Trotz der enormen Entwicklungsanstrengungen der SAP decken native Fiori-Apps in On-Premise-Umgebungen noch nicht jedes kleinste Nischenszenario ab, das über Jahrzehnte im SAP GUI gereift ist. Für Unternehmen mit hochspezialisierten Prozessen in der Fertigung oder im tiefen Finanzwesen kann ein reiner Fiori-Ansatz daher funktionalen Verzicht bedeuten oder teure Eigenentwicklungen erfordern.
Fiori First: Der pragmatische Standard
In den meisten S/4HANA Private Cloud- oder On-Premise-Projekten ist „Fiori First“ der gewählte Weg. Hierbei ist SAP Fiori das führende Interface und der primäre Einstiegspunkt für alle Nutzer:innen. Wenn für eine Aufgabe eine native Fiori-App existiert, muss diese verwendet werden. Das SAP GUI wird nur noch als technisches Backup für hochspezialisierte Expertenaufgaben oder für Prozesse vorgehalten, für die SAP noch keine adäquate Fiori-App bereitgestellt hat.
Dieser Ansatz bietet eine hervorragende Balance zwischen Modernisierung und Funktionsgarantie. Die Anwender:innen gewöhnen sich an das neue Launchpad, profitieren von der intelligenten Suche und den Benachrichtigungen, behalten aber in Ausnahmefällen den Zugriff auf die gewohnte Funktionstiefe der alten Welt. Technisch wird dies oft so gelöst, dass die verbleibenden GUI-Transaktionen visuell harmonisiert und direkt in das Fiori Launchpad integriert werden, sodass die Nutzer:innen die Umgebung nicht verlassen müssen.
Mixed Approach: Differenzierung nach Benutzergruppen
Der „Mixed Approach“ ist eine bewusste Segmentierungsstrategie, die anerkennt, dass verschiedene Nutzertypen unterschiedliche Anforderungen an ihre Werkzeuge haben. Hierbei wird die Anwenderbasis typischerweise in drei Kategorien unterteilt:
- Gelegenheitsnutzer:innen: Mitarbeitende, die das System nur sporadisch nutzen (z. B. für Zeiterfassung, Reisekosten oder Genehmigungen). Für sie ist Fiori ideal, da es keine Schulung erfordert und die Fehlerquote minimiert.
- Expertennutzer:innen: Mitarbeitende in der Buchhaltung oder Materialwirtschaft, die Massendaten verarbeiten. Hier wird oft bewusst das SAP GUI (oder das WebGUI) eingesetzt, da die Geschwindigkeit der Tastaturbedienung und die Informationsdichte dort für spezialisierte Aufgaben oft noch überlegen sind.
- Technische Nutzer:innen: Administrator:innen und Entwickler:innen nutzen weiterhin das GUI für tiefgreifende Systemkonfigurationen, da die entsprechenden Fiori-Pendants oft eher auf Business-Konfigurationen ausgelegt sind.
| Strategie | Eignung | Hauptvorteil | Hauptrisiko |
| Fiori Only | Public Cloud, Start-ups, standardisierte Prozesse | Minimale TCO, maximale Innovation | Funktionale Lücken bei Spezialprozessen |
| Fiori First | Transformationen (On-Prem/Private Cloud) | Moderne UX mit Funktionsgarantie | Höherer Aufwand bei der Rollenpflege |
| Mixed Approach | Große Konzerne, komplexe Produktion | Hohe Effizienz für Power-User | Inkonsistente User Experience |
Kritische Würdigung: Licht und Schatten der Fiori-Welt
Als erfahrenes Beratungshaus ist es wichtig, die Euphorie des Marketings mit der Realität der Projekte zu spiegeln. SAP Fiori ist zweifellos die Zukunft, aber der Weg dorthin ist mit Herausforderungen gepflastert, die oft unterschätzt werden. Ein ehrlicher Blick zeigt, dass native Fiori-Apps in manchen Bereichen (noch) hinter der Flexibilität ihrer GUI-Vorgänger zurückbleiben.
Ein interessantes Phänomen ist, dass die angestrebte Einfachheit manchmal ins Gegenteil umschlägt, wenn zu viele Informationen in eine einzige Web-App gepresst werden. Ein prägnantes Beispiel aus der Praxis ist die App zur Verwaltung von Geschäftspartnern (Business Partner). Während die GUI-Transaktion zwar altbacken wirkt, ist sie für Expert:innen durch ihre Reiter-Struktur schnell navigierbar. Die entsprechende Fiori-App wird von Nutzer:innen oft als „perplex“ wahrgenommen, da sie mit extrem langen Listen, zahlreichen Sprungmarken und einer hohen Anzahl an Feldern arbeitet, die im Browser mühsamer zu überblicken sind als in einer dedizierten Desktop-Anwendung.
Der technologische Wechsel erfordert eine massive Umstellung im Mindset der Mitarbeiter:innen. Anwender:innen, die über 20 Jahre lang ihre T-Codes blind eingegeben haben, fühlen sich in einer klick-zentrierten Web-Oberfläche oft erst einmal ausgebremst. Sie empfinden die neue „Einfachheit“ als Bevormundung oder als Verlust von Kontrolle. IT-Leiter:innen müssen hier verstehen: Die Transformation ist kein IT-Projekt, sondern eine Veränderung der Unternehmenskultur.
Erfolgreiches Change-Management muss den Fokus von der reinen Dateneingabe hin zum Informationsgewinn verschieben. Der Mehrwert von Fiori liegt nicht darin, eine Bestellung schneller anzulegen als im GUI (das wird sie oft nicht), sondern darin, dass Einkäufer:innen durch proaktive Warnungen und integrierte Analysen erkennen, welche Bestellung überhaupt angelegt werden muss, um einen drohenden Lieferengpass zu vermeiden. Dieser Wandel vom „Datenerfasser“ zum „datenbasierten Entscheidungsfinder“ ist der Kern der Fiori-Strategie.
Technische Realität: Die Brücke zwischen den Welten bauen
In der Praxis von On-Premise- und Private-Cloud-Umgebungen ist die Koexistenz von GUI und Fiori die Regel. Die technische Lösung, um diese Welten zu vereinen, ist das „SAP GUI for HTML“ (auch bekannt als WebGUI). Es ermöglicht die Ausführung klassischer Dynpro-Transaktionen direkt im Webbrowser, ohne dass ein lokaler GUI-Client installiert sein muss.
Die Integration erfolgt nahtlos in die Oberfläche des Launchpads. Für Endanwender:innen sieht eine GUI-Transaktion dann aus wie eine weitere Kachel. Technisch gesehen wird beim Klick auf die Kachel ein Service aufgerufen, der die Bildschirme des Backends in Echtzeit in HTML-Code umwandelt. Dank der visuellen Harmonisierung passen sich diese alten Oberflächen farblich und stilistisch an die modernen Fiori-Apps an.
Public Cloud Fact-Check: Keine Wahlmöglichkeit mehr
Für Unternehmen, die den Weg in die S/4HANA Cloud Public Edition wählen, ist die Debatte über GUI vs. Fiori bereits entschieden. In diesem Modell ist der Web-Browser der einzige Zugangsweg. Das Fiori Launchpad ist das exklusive Portal für alle geschäftlichen Aktivitäten.

Die Public Cloud erzwingt eine Standardisierung, die viele IT-Leiter:innen erst einmal verarbeiten müssen. Es gibt keinen Zugriff auf bestimmte, klassische ABAP- oder Administrations-Tools über das lokale GUI. Alles erfolgt über webbasierte Fiori-Apps.
- Wartungsarmut: Da SAP die gesamte Infrastruktur und die Updates verwaltet, entfällt der Aufwand für die GUI-Distribution vollständig.
- Standard-Prozesse: Da die Anpassungsmöglichkeiten im Kern begrenzt sind, müssen sich die Geschäftsprozesse an die ausgelieferten Fiori-Apps anpassen, nicht umgekehrt. Dies folgt dem „Fit-to-Standard“-Prinzip.
- Zukunftssicherheit: Innovationen, wie etwa neue KI-Funktionen oder Prozessautomatisierungen, werden zuerst und oft exklusiv für die Fiori-Oberflächen der Public Cloud ausgerollt.
In der Public Cloud wird auch deutlich, wohin die Reise geht: Das Launchpad wird immer intelligenter. Mit dem Konzept der „Spaces and Pages“ wird die Strukturierung der Apps noch intuitiver und Funktionen wie „My Home“ ermöglichen es den Nutzer:innen, die wichtigsten Aufgaben, KPIs und News auf einer personalisierten Startseite zu bündeln.
Die strategische Rolle der UX für den Projekterfolg
Die Erfahrung zeigt, dass S/4HANA-Projekte, die UX als reine „Verschönerung“ am Ende des Projekts betrachten, oft an mangelnder Anwenderakzeptanz scheitern. Die neue Benutzeroberfläche muss von Anfang an als integraler Bestandteil der Business-Transformation gesehen werden.
Eine moderne UX ist kein Selbstzweck. Sie zahlt direkt auf die harten Kennzahlen des Business Case ein. Durch die Reduzierung von Klicks und die Vermeidung von Medienbrüchen steigt die Produktivität. Durch die intuitive Führung sinken die Schulungskosten massiv. Vor allem aber sinkt die Fehlerquote, da Fiori die Nutzer:innen aktiv durch den Prozess leitet und Fehleingaben durch Validierungen in Echtzeit verhindert.
Der Ausblick auf die kommenden Jahre zeigt, dass Fiori sich von einer reinen Klick-Oberfläche hin zu einem intelligenten Assistenten entwickelt. Die Integration von Joule, dem KI-Copiloten der SAP, wird die Art und Weise, wie wir arbeiten, erneut revolutionieren. Anstatt durch Menüs zu navigieren, werden Nutzer:innen mit ihrem System sprechen oder chatten. Joule wird komplexe Abfragen in natürlicher Sprache verstehen und direkt die passenden Fiori-Apps aufrufen oder Aufgaben sogar autonom erledigen.
Handlungsempfehlungen für Entscheider:innen
Um den Wechsel erfolgreich zu gestalten, sollten Organisationen folgende Schritte priorisieren:
- Frühzeitige Rollendefinition: UX beginnt nicht beim Design, sondern beim Verständnis der Rollen. Wer macht was im System? Nur wer seine Rollen kennt, kann die passenden Fiori-Apps auswählen.
- Transparente Kommunikation: Seien Sie ehrlich bezüglich funktionaler Unterschiede. Erklären Sie den Expert:innen, warum sie in manchen Fällen ein paar Klicks mehr brauchen, aber zeigen Sie ihnen gleichzeitig den massiven Gewinn durch die neuen analytischen Möglichkeiten.
- Technische Hausaufgaben: Investieren Sie in eine solide Frontend-Infrastruktur. Eine langsame Fiori-App ist der sicherste Weg, die Akzeptanz im Keim zu ersticken. Performance-Optimierung von OData-Services und die richtige Konfiguration des Web Dispatchers sind kritische Erfolgsfaktoren.
- Iterative Einführung: Fangen Sie klein an. Nutzen Sie Standard-Apps für einfache Prozesse wie Genehmigungen und weiten Sie das Fiori-Portfolio dann sukzessive auf komplexere Bereiche aus.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Weg von SAP GUI zu SAP Fiori ist alternativlos, wenn man die Vorteile von S/4HANA wirklich ausschöpfen will. Es ist eine Reise von der technischen Abwicklung hin zur wertschöpfenden Interaktion. Wer diesen Weg mit der richtigen Mischung aus strategischer Weitsicht und technischem Pragmatismus geht, wird sein Unternehmen nicht nur technologisch modernisieren, sondern die Arbeitswelt seiner Mitarbeiter:innen nachhaltig verbessern.
Eine erfolgreiche S/4HANA-Migration steht und fällt mit der Akzeptanz der Anwender:innen. Als erfahrener Partner für komplexe Transformationen unterstützt adesso business consulting Sie dabei, die für Ihr Unternehmen optimale UX-Strategie zu finden und technisch präzise umzusetzen. Kommen Sie gerne für einen unverbindlichen Austausch auf uns zu!




