In den letzten Jahren beschäftigten sich Unternehmen häufig erst mit dem Wechsel vom alten SAP ERP (ECC) auf SAP S/4HANA mit der Frage, welche Funktionalitäten bei der operativen Abwicklung von Zoll- und Außenhandelsthemen intern eigentlich benötigt werden. Diverse Funktionalitäten aus Einkauf und Vertrieb sind zudem nicht deckungsgleich in S/4HANA verfügbar. Angesichts eines wachsenden globalisierten Handels ist der messbare Export- und Importanteil in den Unternehmen über die Jahre gewachsen, sodass dringend mehr Funktionalitäten benötigt werden. Die Anwender:innen sind es gewohnt, mit unzähligen Exceltabellen zu improvisieren. Von großer Bedeutung ist natürlich, dass sich auf internationaler Ebene diverse Rahmenbedingungen verändert haben, denn durch geopolitische Spannungen und volatile Märkte haben sich die Handlungsspielräume der Unternehmen verändert. Welche SAP-Lösung wann am besten passt erfahren Sie im folgenden Artikel. Außerdem erhalten Sie einen umfassenden Funktionsüberblick von SAP GTSe4H und SAP S/4HANA International Trade.
Vorteile SAP GTSe4H
Das SAP GTSe4H ist definitiv die „Flaggschiff-Lösung“ im Zoll- und Außenhandelsbereich. Zudem können Besonderheiten wie z. B. die Abbildung des US-Reexport oder die Möglichkeit, in diversen EU- und auch Drittländern die systemseitige Zollkommunikation zu den jeweils nationalen Zollbehörden einzurichten, im Standard abgebildet werden. Auch wenn intern eine gut aufgestellte Exportkontrolle gegeben ist, sollten für den „Worst Case“ internationale Verträge mit Ausstiegsmöglichkeiten vorgesehen werden. Das heißt, wenn z. B. ein Vertrag mit einem Unternehmen aus einem Land geschlossen wurde, welches vor Auslieferung des Materials von einem Länder-Embargo betroffen ist, könnte eine entsprechende Vertragsklausel eine Ausstiegsmöglichkeit vorsehen. So werden die Vorgaben der regulatorischen Exportkontrolle eingehalten und mögliche Kosten durch z. B. Nichtlieferung vermieden.
Auch kann eine Chargenverwaltung, die für bestimmte Branchen auch international von Bedeutung ist, systemübergreifend über eine Entwicklung dargestellt werden. Es kann sich genauso lohnen, intern durchzurechnen, ob sich z. B. regelmäßige Präferenzkalkulationen oder ein Zolllager mit aktiver Veredelung rechnet. Für Unternehmen, die mit mittleren bis komplexen regulatorischen Anforderungen umgehen müssen, ist das GTSe4H die naheliegende Wahl.
Bei der Nutzung von GTSe4H verlagert sich die logische Zuständigkeit für die Tarifierung vollständig aus dem Vorsystem S/4 in das GTSe4H. Über die sogenannte Rückverteilung werden dann die statistischen Warennummern und Zolltarifnummern in das S/4 Vorsystem repliziert.
Das GTSe4H ist ein eigenes System, welches an diverse SAP oder auch Non-SAP-Vorsysteme angebunden werden kann. Außenhandelsrelevante Stamm- und Bewegungsdaten werden per RFC-Schnittstelle an das GTSe4H übertragen. So können in Echtzeit relevante Belege wie Faktura oder Proforma zur weiteren Verarbeitung wie z. B. zur Erstellung einer Zollanmeldung repliziert werden. Das heißt, die Zollanmeldung steht auf Kopf- und Positionsebene bereits vorausgefüllt zur finalen Detaileingabe bereit. Falls gewünscht, könnte GTSe4H vorab über eine umfassende Sanktionslistenprüfung und einem „echten Treffer“ die Prozesskette im Vorsystem mit einer Belegsperre sogar stoppen, sodass erst eine dazu berechtigte Person den kompletten Prozess wieder freigibt.
Funktionsüberblick SAP GTSe4H
Customs Management
- Erstellung von Zollanmeldungen in Export und Import
- Aktive Veredelung, passive Veredelung, Import mit NCTS-Verfahren
- Tarifierung von Materialien
- Zolllager
Compliance Management
- Umfassende Sanktionslistenprüfungen
- Klassifizierung von Materialien (z. B. Dual Use)
- Genehmigungsverwaltung (einschl. ELAN-K2 Anbindung zum BAFA)
- Embargoverwaltung
Risk Management
- Präferenzabwicklung (Verwaltung von Lieferantenerklärungen sowie Präferenzkalkulation einschl. KMAT)
Intrastat
- Monatliche Meldung von eingangs- und ausgangsseitigem Warenverkehr in Unternehmen und innerhalb der EU
Vorteile SAP S/4HANA International Trade
Das Außenhandelsmodul International Trade in S/4HANA gehört zu den Kernanwendungen und ist in der SAP S/4HANA-Lizenz enthalten. Wenn der zu erwartende Export- und Importanteil eines Unternehmens auch zukünftig überschaubar gering bleiben wird, kann diese Lösung völlig ausreichen. Im Wesentlichen beschränkt sich das International Trade auf die Exportkontrolle wie Klassifizierung von z. B. Dual Use Materialien, das einfache, systemtechnische Setzen eines Embargos sowie Sanktionslistenprüfungen. Für letztere ist jedoch ein Add-On inklusive SAP-Lizenz „Watch List Screening“ nötig.
Über die bekannte Transaktion ve94 lässt sich in S/4HANA International Trade der Datencontent nicht mehr manuell für z. B. neue statistische Warennummern hochladen (z. B. Sovaleitdatei). Hier wird nun über eine RFC-Verbindung der aktuelle Datencontent im XML-Format bei einem Datenprovider „abgeholt“.
Funktionsüberblick SAP S/4HANA International Trade
Die Funktionen sind im Vergleich zu GTSe4H in der Tiefe teilweise eingeschränkt.
Customs Management
- Tarifierung von Materialien
Legal Control
- Sanktionslistenprüfung mit SAP Watch List Sreening
- Embargoverwaltung
- Klassifizierung von Materialien (z. B. Dual Use)
- Genehmigungsverwaltung (keine geschachtelte wie im GTSe4H möglich)
Intrastat
- Monatliche Meldung von eingangs- und ausgangsseitigem Warenverkehr in Unternehmen und innerhalb der EU
Zusammenfassung
Die systemtechnische Abbildung der monatlichen Intrastat ist für alle europäischen Länder in SAP GTSe4H und SAP S/4HANA International Trade gleich. Die monatliche Meldung kann sich jedoch aufgrund unterschiedlicher nationaler Anforderungen inhaltlich etwas unterscheiden.
Auch die benutzerfreundlichen Fiori-Oberflächen sind in beiden Systemen gegeben. Selbst KI-Unterstützung in der Tarifierung und Klassifizierung von z. B. Dual-Use-Materialien werden für beide Systeme angeboten. Dies ist ab den Versionen GTSe4H 2025 FPS01 und S/4HANA 2608 möglich. Für eine fundierte, umfassende Aussage zur KI-Benutzererfahrung ist es zurzeit aber leider zu früh (Stand September 2026).
Dafür ist in beiden Systemen nun die Fuzzy-Search nutzbar. Das heißt, dass über eine Ähnlichkeitssuche Vorschläge erzeugt werden. Das Ziel ist, über eine passgenaue, unternehmensindividuelle Einstellung die Genauigkeit in der zollrechtlichen Warenbeschreibung oder in der Tarifierung des Materials zu erhöhen. Final tragen nach wie vor die Anwender:innen die Entscheidung zur Tarifierung.
Ein essenzieller Unterschied zwischen beiden Systemen ist, dass es in International Trade weder eine Zoll- noch eine Präferenzabwicklung mit Ermittlung des Warenursprungs gibt. Das heißt, es entstehen im Unternehmen weitere Kosten und Zeitaufwand für die Datenpflege von Drittsystemen oder Webanwendungen. Zudem verzichten Unternehmen auf mögliche Zollvorteile, die eine „gepflegte“ Präferenzabwicklung und -kalkulation im internationalen Handel bieten kann.
Auch wenn im Unternehmen die Abbildung der US-Reexportkontrolle nötig ist, sollte GTSe4H in Betracht gezogen werden. Eine routinierte und beständige Stammdatenpflege ist dabei von allen Anwender:innen und natürlich in beiden Systemen obligatorisch.
Überblick des Funktionsumfangs zwischen GTSe4H und S/4HANA International Trade
Hinweis: Bei der Darstellung wird nicht in der Funktionstiefe unterschieden. Die Auflistung ist nur eine Veranschaulichung und nicht vollumfänglich.
| SAP GTSe4H | SAP S/4HANA International Trade | |
| Zollabwicklung Export und Import | ✅ | ❌ |
| Kommunikation mit dem Zoll | ✅ | ❌ |
| Versandverfahren, NCTS | ✅ | ❌ |
| aktive und passive Veredelung | ✅ | ❌ |
| Ausdruck von Handelsdokumenten | ✅ | ❌ |
| Zolllager | ✅ | ❌ |
| Tarifierung | ✅ | ✅ |
| Klassifizierung (z. B. Dual Use) | ✅ | ✅ |
| Kontrollklassen und -gruppen zur Abbldung der gesetzlichen Kontrolle | ✅ | ✅ |
| Verwaltung von Genehmigungen des BAFA | ✅ | ✅ |
| US-Reexport | ✅ | ❌ |
| Setzen von Embargos | ✅ | ✅ |
| Sanktionslistenprüfung* | ✅ | ✅ |
| Präferenzabwicklung | ✅ | ❌ |
| Intrastat | ✅ | ✅ |
*im Vergleich zu GTSe4H besteht in S/4HANA eine eingeschränkte Funktionalität mit dem Add-On und der SAP-Lizenz „Watch List Screening“
Wo liegen aktuell die Pain Points in den Unternehmen und welche Lösungen bietet adesso an?
Der logische Vorgänger von GTSe4H ist das seit ca. 25 Jahren bewährte GTS11.0, die Wartung hierzu wurde bis 31.12.2025 von SAP gewährleistet. Das heißt, für jegliche Änderungen in den regulatorischen Anforderungen gibt es seitdem in GTS11.0 keine systemseitigen Updates mehr. International aufgestellte Unternehmen sind gut beraten, über eine Conversion auf das neue GTSe4H zu wechseln. Beispiele zu aktuellen regulatorischen Änderungen sind z. B. eine kleine Änderung in der technischen Grundlage bei der Übermittlung der monatlichen Intrastat-Meldung. Auch wird es im Juni 2028 größere Neuerungen bzw. Änderungen auf europäischer Ebene bei den Lieferantenerklärungen geben.
Um rechtskonforme und kosteneffektive Prozesse im Unternehmen darzustellen, könnte eine Analyse in den Zoll- und Außenhandelsprozessen mit anschließender Abbildung in GTSe4H bzw. S/4HANA mehr als sinnvoll sein. Die Anwender:innen werden zollfachlich und systemtechnisch fundiert geschult, sodass die Unternehmen bei jeglichen Besuchen durch den Zoll (z. B. Prüfung des „Prüfpfades im Unternehmen“), durch das BAFA oder auch bei Audits, gut aufgestellt sind.
Durch jahrelange Erfahrung in diversen Branchen (z. B. Maschinenbau oder Chemie) und sehr unternehmensspezifischen Projektanforderungen berät adesso business consulting Sie passgenau zu einer zielgerichteten Systemarchitektur.
Wenn Sie Fragen zu SAP GTSe4H und SAP S/4HANA International Trade haben, stehen wir Ihnen selbstverständlich gerne zur Verfügung. Weitere Infos finden Sie auch hier auf unserer Website. Wir freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme!




