4. September 2026

E-Rechnung in Luxemburg: Der Weg von B2G zu B2B und der europäische Rahmen durch ViDA

Haben Sie schon einmal versucht, eine Rechnung digital zu verschicken, ohne dass am Ende doch wieder jemand das PDF händisch abtippen musste? Was in vielen Unternehmen noch wie Zukunftsmusik klingt, ist im Großherzogtum Luxemburg bereits etabliert. Während einige europäische Nachbarn auf abrupte, gesetzliche Verpflichtungen setzen, zeigt Luxemburg eindrucksvoll, wie ein strukturierter, evolutionärer Übergang gelingt. Das Land hat die elektronische Rechnungsstellung bereits erfolgreich im öffentlichen Sektor (B2G) etabliert. Nun bereitet es den nächsten Schritt vor: die flächendeckende Ausweitung auf den gesamten Geschäftsverkehr zwischen Unternehmen (B2B). Lesen Sie in diesem Beitrag, wie die E-Rechnung in Luxemburg eingeführt wird.

B2G als Grundlage: Die luxemburgische Vorreiterrolle

Luxemburg hat die Weichen für ein digitales Rechnungswesen frühzeitig gestellt. Bereits mit dem Gesetz vom 16. Mai 2019, das auf der EU-Richtlinie 2014/55/EU basiert, wurde der Grundstein für die E-Rechnung im öffentlichen Sektor (Business-to-Government, B2G) gelegt. In einer gestaffelten Einführung mussten zunächst zentrale staatliche Stellen ab April 2019 und anschließend subzentrale Einrichtungen wie Gemeinden ab April 2020 in der Lage sein, normkonforme E-Rechnungen zu empfangen und zu verarbeiten.

Die eigentliche Pflicht für Unternehmen, Rechnungen an öffentliche Auftraggeber ausschließlich in elektronischer Form einzureichen, wurde durch ein Änderungsgesetz im Dezember 2021 eingeführt. Zwischen Mai 2022 und März 2023 wurde sie schrittweise nach Unternehmensgröße verpflichtend. Seit dem 18. März 2023 gilt diese B2G-Pflicht ausnahmslos für alle in- und ausländischen Lieferanten – ab dem ersten Euro, ganz ohne Bagatellgrenzen.

Die technische Infrastruktur hinter diesem Erfolg basiert auf dem internationalen Peppol-Netzwerk. Luxemburg entschied sich bewusst gegen ein isoliertes staatliches Rechnungsportal und etablierte Peppol als gesetzlichen Übertragungsweg. Mit Erfolg: Die Anzahl der in Luxemburg über Peppol empfangenen elektronischen Rechnungen stieg von unter 100 im Jahr 2021 auf fast 1,4 Millionen im Jahr 2024. Die B2G-Einführung zeigt zugleich, welchen Vorteil ein offener, interoperabler Standard bietet. Auf Basis der europäischen Norm EN 16931-1:2017 können Rechnungsdaten automatisiert zwischen unterschiedlichen ERP-Systemen und über Ländergrenzen hinweg ausgetauscht werden.

Mehr zu Peppol und SAP DRC erfahren Sie hier im Beitrag von Aleksandar Lukic und Felix Löffler.

Der Übergang zu B2B: Der Gesetzentwurf 8815

Was im Austausch mit Behörden zur gelebten Praxis gereift ist, wird nun zum Standard im allgemeinen Geschäftsleben. Am 30. Juli 2026 legte der luxemburgische Finanzminister Gilles Roth den Gesetzentwurf Nr. 8815 vor, um das bewährte B2G-Modell schrittweise auf den inländischen B2B-Sektor auszuweiten.

Die folgende Tabelle fasst den geplanten, stufenweisen Übergang zur B2B E-Rechnungspflicht in Luxemburg zusammen:

StichtagBetroffener KreisGesetzliche Verpflichtung
1. Januar 2028Alle luxemburgischen UnternehmenPflicht zum Empfang und zur Verarbeitung elektronischer Rechnungen im strukturierten XML-Format (vorrangig über Peppol bzw. übergangsweise alternative Empfangslösungen).
1. Juli 2028Große und mittlere Unternehmen (Umsatz > 15 Mio. € und Bilanzsumme > 7,5 Mio. €)Pflicht zur aktiven Ausstellung und elektronischen Übermittlung über das Peppol-Netzwerk.
1. Januar 2029Alle übrigen Unternehmen (inkl. kleiner Firmen und KMU)Ausnahmslose Pflicht zur Ausstellung und Übermittlung strukturierter elektronischer Rechnungen über das Peppol-Netzwerk (Peppol BIS Billing 3.0).
1. Juli 2030Alle EU-Unternehmen im grenzüberschreitenden B2B-HandelEinführung der verpflichtenden Echtzeitmeldung (DRR) unter der EU-Richtlinie ViDA.

Wichtig ist das grundlegende Verständnis, was rechtlich als E-Rechnung gilt. Eine per E-Mail versandte PDF-Datei oder eine eingescannte Papierrechnung erfüllt die gesetzlichen Anforderungen nicht. Erlaubt sind ausschließlich strukturierte, maschinenlesbare XML-Dateien (bevorzugt im Format Peppol BIS Billing 3.0 auf Basis von UBL 2.1), die direkt vom Empfängersystem ohne manuelles Zutun verarbeitet werden können. Zwar stellt der Staat über das Portal Guichet.lu manuelle Online-Formulare bereit, doch diese sind als reine Not- und Übergangslösung für Kleinstvolumina gedacht. Zudem unterstützen sie nur den Versand, nicht aber den zwingend erforderlichen Empfang.

Luxemburg im europäischen Kontext: ViDA als digitaler Treiber

Die Ausweitung auf B2B ist kein rein luxemburgisches Phänomen, sondern eng mit der europäischen Steuerinitiative ViDA („VAT in the Digital Age“) verzahnt. Mit der Verabschiedung der Richtlinie (EU) 2025/516 im März 2025 hat der Rat der Europäischen Union den rechtlichen Rahmen geschaffen, um die Mehrwertsteuersysteme an das digitale Zeitalter anzupassen. Ein wesentliches Ziel von ViDA ist es, die EU-Mehrwertsteuerlücke, die 2023 auf rund 128 Milliarden Euro geschätzt wurde, durch mehr Transparenz und digitale Meldungen zu verringern. Allein der grenzüberschreitende Karussellbetrug (Missing-Trader-Betrug) verursacht nach Angaben der Europäischen Kommission jährliche Steuerausfälle zwischen 12,5 und 32,8 Milliarden Euro.

Im Rahmen des stufenweisen ViDA-Fahrplans wird die strukturierte elektronische Rechnungsstellung ab dem 1. Juli 2030 für grenzüberschreitende (innergemeinschaftliche) B2B-Transaktionen in der EU verpflichtend. Zeitgleich lösen die Digital Reporting Requirements (DRR) die bisherigen zusammenfassenden Meldungen durch ein digitales Beinahe-Echtzeit-Meldesystem ab. Für bereits bestehende nationale Meldesysteme gilt eine Übergangsfrist bis 2035.

Für luxemburgische Unternehmen bedeutet dies: Die schrittweise Einführung der nationalen B2B-E-Rechnungspflicht ab 2028 und deren vollständige Umsetzung bis 2029 schafft zugleich die technologische Grundlage für die kommenden EU-weiten ViDA-Anforderungen ab 2030. Da der Gesetzentwurf 8815 auf der europäischen Norm EN 16931-1:2017 aufbaut, sichert ein einmal sauber aufgesetztes System zum einen die inländische Compliance. Zum anderen ebnet es direkt den Weg in einen harmonisierten, europaweiten Datenaustausch.

Mehr zum ViDA-3-Säulen-Modell erfahren Sie hier im Beitrag von Dennis Zielinski und Julia Barbara Krings.

Fazit: Prüfen Sie jetzt Ihre SAP-Systemlandschaft

Die regulatorischen Fristen für Luxemburg stehen fest, und der Countdown läuft. Für Unternehmen im SAP-Umfeld bedeutet diese Transformation, dass das Thema E-Invoicing nicht erst 2028 auf der Agenda stehen sollte. Die Anpassung von Buchungsprozessen, die Sicherung der Stammdatenqualität und die Integration in die bestehende IT-Architektur benötigen eine entsprechende Vorlaufzeit.

Als standardisierte und zukunftssichere Antwort bietet sich hierbei SAP Document and Reporting Compliance (SAP DRC) an. Vollintegriert in die bekannten eDocument-Funktionen ermöglicht es die automatisierte Extraktion, Konvertierung und Validierung von Rechnungsdaten direkt im SAP-Backend (ob auf S/4HANA oder ERP ECC 6.0). In Kombination mit der SAP Business Technology Platform (SAP BTP) und der SAP DRC, Cloud Edition, die als registrierter Peppol Access Point agiert, lassen sich E-Rechnungen automatisiert und regelkonform senden sowie empfangen. Dies läuft ganz im Einklang mit der strategischen „Keep the Core Clean“-Philosophie der SAP.

Setzen Sie sich rechtzeitig mit Ihren Rechnungsprozessen und Schnittstellen auseinander, um die gesetzliche Pflicht in eine echte Effizienz- und Automatisierungschance zu verwandeln.

Wir bei adesso business consulting unterstützen Sie auf diesem Weg. Mit unserer langjährigen Praxiserfahrung, tiefer SAP-Expertise und regulatorischem Weitblick analysieren wir Ihre bestehende Systemarchitektur. Außerdem begleiten wir die Implementierung und machen Ihre Buchhaltungsprozesse fit für Luxemburg und die europäische ViDA-Zukunft. Sprechen Sie uns an – lassen Sie uns die Herausforderung gemeinsam anpacken!

Diesen Beitrag teilen:

Themen und Schlagwörter:

Ein Beitrag von:

Onur Öncü

Onur Öncü ist SAP FI/CO- und DRC-Berater. Er implementiert moderne E-Invoicing-Lösungen und optimiert Finanzprozesse in SAP S/4HANA-Umgebungen. Mit seiner Erfahrung aus internationalen Projekten im Bereich der Prozessoptimierung unterstützt er Unternehmen dabei, gesetzliche Anforderungen effizient zu erfüllen und ihre Finanzprozesse nachhaltig zu modernisieren.
Alle Beiträge von: Onur Öncü

Ähnliche Beiträge

Continuous Closing: Wie SAP S/4HANA den Monatsabschluss beschleunigt

Continuous Closing: Wie SAP S/4HANA den Monatsabschluss beschleunigt

Monatsende, unzählige Überstunden und permanenter Druck auf dem Kessel: Für viele Finanzteams ist der klassische Abschluss eine regelmäßige Belastungsprobe. Zersplitterte Systemlandschaften, manuelle Excel-Wüsten und der typische Stichtagswahnsinn bremsen das Rechnungswesen immer wieder aus. Genau hier setzt das Prinzip des Continuous Closing an.