Europa hat den Point of No Return überschritten
Vergleicht man die Themen und Diskussionen der Peppol Conference Europe 2026 (16. und 17. Juni in Brüssel) mit denen der Konferenz des Vorjahres, wird eine zentrale Entwicklung deutlich: Die elektronische Rechnungsstellung in Europa (und darüber hinaus) hat ihren entscheidenden Wendepunkt erreicht.
Noch im Jahr 2025 war die elektronische Rechnungsstellung für die Mehrheit der Unternehmen und Organisationen in erster Linie ein Compliance-Projekt, das durch nationale gesetzliche Vorgaben einzelner Länder vorangetrieben wurde. Lesen Sie hier mehr dazu in unserem Bericht aus dem letzten Jahr.
Im Jahr 2026 hat sich dieses Bild jedoch grundlegend verändert. Internationale Unternehmen, Regierungen, Technologieanbieter und Steuerbehörden diskutieren nicht mehr darüber, ob sich die digitale Rechnungsstellung als Standard etablieren wird. Stattdessen steht heute die Frage im Mittelpunkt, wie schnell sich auf dieser Grundlage digitale Geschäftsökosysteme aufbauen lassen.

Das beeindruckende Wachstum des Peppol-Netzwerks
Das rasante Wachstum des Peppol-Netzwerks ist vermutlich der stärkste Beleg dafür, dass Europa eine neue Phase der digitalen Transformation erreicht hat. Während der Konferenz wurden die Transaktionszahlen elektronischer Rechnungen der vergangenen zwölf Monate vorgestellt. Dabei zeigte sich folgendes Ranking der Länder mit dem höchsten Peppol-Transaktionsvolumen:
- Belgien – 140,7 Millionen
- Norwegen – 131,1 Millionen
- Schweden – 52,1 Millionen
Diese Zahlen verdeutlichen, wie schnell verpflichtende E-Rechnungsregelungen die Verbreitung eines Netzwerks beschleunigen können – vorausgesetzt, sie werden durch eine klare Gesetzgebung sowie ein starkes, kooperatives Ökosystem unterstützt.
Belgien: Der Prototyp für Europas Zukunft im Bereich E-Invoicing und E-Reporting?
Mehrere Vorträge der Konferenz beschäftigten sich mit den ersten sechs Monaten der belgischen B2B-E-Rechnungspflicht. Dabei wurde deutlich, dass das belgische Einführungsmodell wertvolle Erkenntnisse darüber liefert, wohin sich Europa künftig entwickeln wird. Seit Anfang Januar 2026 sind alle in Belgien umsatzsteuerlich registrierten Unternehmen verpflichtet, strukturierte elektronische Rechnungen auf Basis der europäischen Norm EN 16931 zu versenden und zu empfangen. Als bevorzugter Übertragungskanal dient dabei das Peppol-Netzwerk. Grundlage des belgischen Modells ist die etablierte Four-Corner-Architektur, welche einen sicheren und interoperablen Austausch elektronischer Rechnungen zwischen Sender und Empfänger gewährleistet.
Die spannendste Entwicklung steht allerdings noch bevor. Ab Januar 2028 plant Belgien die Einführung eines Echtzeit-E-Reportings, das auf dem Five-Corner-Modell basiert. Dabei werden Rechnungsdaten zusätzlich automatisiert an die Steuerverwaltung übermittelt. Dieses Vorgehen steht im Einklang mit der Initiative VAT in the Digital Age (ViDA) der Europäischen Kommission und zeigt sehr deutlich die Richtung auf, der zahlreiche EU-Mitgliedstaaten in den kommenden Jahren folgen dürften. Damit ergibt sich eine der wichtigsten Botschaften der diesjährigen Konferenz in Brüssel: Die elektronische Rechnungsstellung ist erst der erste Schritt – darauf folgt das E-Reporting.
ViDA: Der neue Treiber für digitale Compliance
Während der gesamten Konferenz wurde immer wieder betont, dass ViDA (VAT in the Digital Age) längst keine rein theoretische Initiative mehr ist. ViDA entwickelt sich zunehmend zur architektonischen Blaupause für die zukünftige steuerliche Compliance in Europa.
Zu den zentralen Zielen der Initiative gehören die Einführung digitaler Meldepflichten (Digital Reporting Requirements) innerhalb der Europäischen Union, eine höhere Transparenz von Geschäftstransaktionen, die Standardisierung der elektronischen Rechnungsstellung und die Schaffung eines höheren Maßes an Interoperabilität zwischen den Mitgliedstaaten. Mehr dazu können Sie hier in einem anderen Blogartikel nachlesen.
Kurzüberblick über weitere Länder, die auf der Konferenz ihre Ansätze für E-Invoicing und E-Reporting vorgestellt haben
Frankreich
Frankreich befindet sich derzeit in der finalen Vorbereitungsphase vor dem produktiven Start seiner Reform zur elektronischen Rechnungsstellung und zum elektronischen Reporting. Es wurde bestätigt, dass die Einführung für große und mittelständische Unternehmen im September 2026 erfolgt. Ab 2027 wird die Reform anschließend auch für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) verpflichtend. Die Reform umfasst B2B-Transaktionen, B2C-Transaktionen und grenzüberschreitende Geschäftsvorfälle. Zur Harmonisierung der Umsetzung wurden rund 95 fachliche Geschäftsszenarien (Business Use Cases) definiert. Technologisch basiert das französische Modell auf der europäischen Norm EN 16931 sowie auf dem Peppol-Netzwerk. Hier können Sie mehr zum Thema E-Invoicing in Frankreich nachlesen.
Singapur
Singapur stellte den Übergang von InvoiceNow zu GST InvoiceNow vor – einen interessanten Transformationsansatz. GST InvoiceNow kombiniert eine freiwillige elektronische Rechnungsstellung über Peppol mit einem verpflichtenden GST-E-Reporting (Goods and Services Tax). InvoiceNow basiert derzeit auf Peppol BIS Billing 3.0 und wird künftig auf PINT-SG umgestellt, das dem etablierten Four-Corner-Peppol-Modell folgt. Zwischen 2028 und 2031 soll das System schrittweise auf alle GST-registrierten Unternehmen ausgerollt werden. In Anlehnung an den E-Invoicing Exchange Summit 2025 in Singapur können Sie hier mehr zum Tema nachlesen.
Slowakei
Die Slowakei verfolgt das Ziel, zu den europäischen Vorreitern bei der vollständigen Umsetzung der ViDA-Anforderungen zu gehören. Ab Januar 2027 sollen die elektronische Rechnungsstellung für nationale B2B-Geschäftsvorfälle, die elektronische Rechnungsstellung im B2G-Bereich sowie das elektronische Reporting verpflichtend eingeführt werden. Alle drei Komponenten sollen gleichzeitig produktiv gehen. Die Steuerverwaltung plant dabei den Einsatz eines Five-Corner-Peppol-Modells, wodurch Rechnungsdaten direkt an die Finanzverwaltung übermittelt werden können, während gleichzeitig die vollständige Interoperabilität innerhalb des Peppol-Netzwerks erhalten bleibt. Technische Grundlage bleiben EN 16931 und Peppol BIS Billing 3.0. Die vollständige Umsetzung der ViDA-Vorgaben ist nach aktueller Planung bis 2030 vorgesehen.
Vereinigte Arabische Emirate (UAE)
Die Vereinigten Arabischen Emirate bestätigten, dass die Einführung ihrer nationalen E-Invoicing-Initiative ab 2027 schrittweise erfolgen wird. Hierfür wird PINT-AE innerhalb des Peppol-Netzwerks eingeführt. Zu Beginn setzt das Modell auf eine klassische Four-Corner-Architektur, die von akkreditierten Service Providern unterstützt wird. Langfristig soll diese Architektur jedoch zu einem Five-Corner-Modell mit Continuous Transaction Controls (CTC) weiterentwickelt werden. Bereits im Juli 2026 startet eine Pilotphase gemeinsam mit akkreditierten Service Providern. Mehr dazu erfahren Sie hier in einem anderen Blogartikel.
Vereinigtes Königreich
Auf der Konferenz wurde bestätigt, dass die verpflichtende elektronische Rechnungsstellung im B2B-Bereich im Vereinigten Königreich ab April 2029 eingeführt werden soll. Das geplante Modell setzt auf eine dezentrale Four-Corner-Architektur auf Basis des Peppol-Netzwerks. In einer ersten Ausbaustufe ist kein verpflichtendes elektronisches VAT-Reporting vorgesehen. Bereits heute tauschen Organisationen des öffentlichen Sektors elektronische Rechnungen über Peppol BIS Billing 3.0 aus. Lesen Sie hier mehr über E-Invocing in UK. Darüber hinaus werden im Laufe des Jahres 2026 weitere technische Spezifikationen veröffentlicht, um die Einführung der verpflichtenden E-Rechnung vorzubereiten.
Ungarn
Ungarn präsentierte eindrucksvoll, wie sich seine Plattform Online Invoice Reporting (OIR) – eingeführt im Jahr 2018 und seit 2021 verpflichtend – zu einem ViDA-konformen Rahmenwerk weiterentwickelt. Der zentrale Gedanke besteht darin, dass strukturierte EN-16931-konforme XML-Rechnungen gleichzeitig als rechtsgültige Rechnung und als Datensatz für das steuerliche Reporting verwendet werden (XML = Rechnung = Meldedatensatz). Dadurch entfällt eine separate Erstellung und Übermittlung von Reporting-Daten. Im Rahmen der weiteren Entwicklung plant Ungarn den Austausch elektronischer Rechnungen über das Peppol-Netzwerk unter Verwendung einer Five-Corner-Architektur. Gleichzeitig sollen die verpflichtende Vorvalidierung der Rechnungen sowie das bestehende Reporting auf Empfängerseite erhalten bleiben. Die vollständige Umsetzung der ViDA-Anforderungen ist derzeit für das Jahr 2030 vorgesehen.
Dänemark
Dänemarks nationale Plattform für elektronische Rechnungen NemHandel wird schrittweise zu einem „NemHandel powered by Peppol“ weiterentwickelt. Im Zuge dieser Transformation wird das bisher nationale Rechnungsformat OIOUBL durch die Peppol PINT Business Interoperability Specifications (BIS) ersetzt. Die neue Lösung basiert auf EN 16931, AS4 und Peppol Service Metadata Locator (SML) Die Entwicklung der technischen Spezifikationen soll bis 2027 abgeschlossen sein. Die eigentliche Migration ist für den Zeitraum 2028 bis 2029 vorgesehen. Am 15. Mai 2029 wird das bisherige OIOUBL-Format offiziell außer Betrieb genommen. Mit dieser Strategie stellt Dänemark sicher, dass das nationale System vollständig ViDA-konform wird und gleichzeitig die Vorteile einer dezentralen Four-Corner-Peppol-Architektur erhalten bleiben. In einem anderen Blogbeitrag beleuchten wir hier detailliert E-Rechnung in Dänemark.
Japan
Japan berichtete über das starke Wachstum von JP PINT, der nationalen Umsetzung von Peppol BIS Billing 3.0. Japan setzt weiterhin auf die bewährte Four-Corner-Peppol-Architektur. Dabei bildet JP PINT die Grundlage für einen interoperablen Austausch elektronischer Rechnungen sowohl innerhalb Japans als auch im internationalen grenzüberschreitenden Geschäftsverkehr.
Fazit: Von der elektronischen Rechnungsstellung zu digitalen Geschäftsökosystemen
Die Peppol Conference Europe 2026 hat eindrucksvoll bestätigt, dass Europa in eine neue Ära der digitalen Compliance eingetreten ist. Der Fokus liegt heute nicht mehr ausschließlich auf der Einführung der elektronischen Rechnungsstellung. Stattdessen steht der Aufbau vernetzter, interoperabler und sicherer digitaler Geschäftsökosysteme im Mittelpunkt. Für Unternehmen ergibt sich daraus eine klare Botschaft: Die Zukunft besteht nicht allein darin, elektronische Rechnungen zu versenden und zu empfangen.
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