4. August 2026

PPWR-Compliance in SAP S/4HANA ohne Zusatzlizenz

Die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) ist Realität. Nach dem Inkrafttreten im Februar 2025 gilt sie ab dem 12. August 2026 größtenteils verbindlich. Das Ziel, Verpackungsmüll drastisch zu reduzieren und eine echte Kreislaufwirtschaft aufzubauen. Verpackungen müssen ab 2030 recyclingfähig designt sein (Einstufung in die Klassen A bis C), Kunststoffverpackungen feste Rezyklat-Quoten erfüllen und für Transport- sowie E-Commerce-Verpackungen gilt eine maximale Leerraumquote von 50 Prozent. Zudem drohen strenge Nachweispflichten, inklusive einer Pflicht zur Aufbewahrung von Konformitätsdokumenten für 5 Jahre bei Einweg- und 10 Jahre bei Mehrweg-Verpackungen.

Wer die Fristen unterschätzt, riskiert empfindliche Strafen und im schlimmsten Fall europaweite Vertriebsverbote. Besonders hart trifft es die Lebensmittelbranche. Hier kollidieren die neuen Rezyklat-Quoten direkt mit den strengen Hygiene- und Migrationsgrenzwerten des Lebensmittelrechts (z. B. Verordnung EG 1935/2004), während die Verfügbarkeit von anspruchsvollem, lebensmitteltauglichem Post-Consumer-Rezyklat (PCR) derzeit stark limitiert ist. Was vordergründig nach einer Aufgabe für den Einkauf, die Produktentwicklung und die Logistik klingt, entpuppt sich in der Praxis als große IT- und Daten-Herausforderung. Um den gesetzlichen Anforderungen gerecht zu werden, müssen Unternehmen ihre ERP-Systeme anpassen und unübersichtliche Daten-Silos wie Excel-Tabellen oder E-Mail-Verzeichnisse eliminieren.

Die 5 datentechnischen Kernanforderungen der PPWR

Um Audits von Marktüberwachungsbehörden standzuhalten, muss Ihre IT-Systemlandschaft die folgenden fünf Datenpunkte lückenlos aggregieren und nachweisen können.

Lückenlose Rückverfolgbarkeit (Traceability)

Eine durchgehende Dokumentation der Lieferwege schafft maximale Transparenz entlang der gesamten Supply Chain. Sämtliche Transaktionsdaten zu Herkunft und Verbleib der Verpackungen werden systemgestützt für fünf bis zehn Jahre rechtssicher archiviert. So können Sie bei Qualitätsabweichungen oder Produktrückrufen jederzeit sofort und präzise reagieren.

Erweiterung der Mengen- und Materialdaten

Ihre IT-Systeme müssen so konfiguriert sein, dass sie für die Meldungen an nationale Register die exakten Gewichtsmengen aller Verpackungen lückenlos dokumentieren und präzise nach Materialkategorien wie Glas, Papier oder Kunststoffen aufschlüsseln können. Diese Daten bilden zudem die rechtliche Grundlage für die länderspezifische Öko-Modulation der EPR-Gebühren (Erweiterte Herstellerverantwortung), bei der schlecht recycelbare Materialien finanziell bestraft werden.

Tracking von Mehrweg-Verpackungen (Re-Use)

Die IT-Lösung muss gewährleisten, dass alle Umläufe (Rotations) von Mehrweg-Verpackungen für den audit-sicheren Nachweis der gesetzlichen Mehrwegquoten lückenlos erfasst werden. Darüber hinaus erfordert die Überwachung der Rückgabelogistik integrierte Systemfunktionen, die die Einhaltung mikrobiologischer Hygienestandards, speziell im Lebensmittelbereich, kontrollieren und protokollieren.

Dokumentation des Rezyklatanteils vs. Lebensmittelsicherheit

Für den Nachweis des Rezyklatanteils als Werksdurchschnitt ist eine kontinuierliche systemgestützte Datenerfassung zwingend erforderlich. Diese Systemintegration stellt gleichzeitig sicher, dass alle Vorgaben zur Lebensmittelsicherheit und zur Vermeidung unbeabsichtigt eingebrachter Substanzen lückenlos dokumentiert sind.

Technische Spezifikationen und Sofort-Verbote

Für den Nachweis des maximalen Leerraumanteils von 50 Prozent sowie die Sperrung verbotener Formate, wie Einweg-Miniaturverpackungen für Saucen und Zucker, bedarf es zuverlässiger Systemprüfungen. Akuter Handlungsbedarf besteht zudem beim strikten PFAS-Verbot für Lebensmittelverpackungen ab August 2026. Dieses Verbot verlangt eine sofortige und systemisch kontrollierte Umstellung auf sichere Ersatzmaterialien. Bei PFAS, Per- und Polyfluoralkylsubstanzen, handelt es sich um eine Gruppe extrem langlebiger, synthetischer Chemikalien, die ein Risiko für Umwelt und Gesundheit darstellen.

Für ein erfolgreiches Audit ist die vollständige Erfassung dieser fünf Datenpunkte im System erforderlich. Zwar bietet SAP mit Responsible Design and Production (RDP) eine cloudbasierte Steuerungsebene an, diese ist jedoch mit zusätzlichen Lizenzgebühren verbunden. Die gute Nachricht, Ihr SAP S/4HANA-Standard bringt als „System of Record“ bereits alle Werkzeuge mit, die Sie für eine revisionssichere Umsetzung benötigen.

Was im SAP-Standard bereits steckt

Materialklassifizierung und Stücklisten (BOM)

Nutzen Sie das integrierte Klassifizierungssystem, um Verpackungsmaterialien mit den neuen PPWR-Merkmalen, zum Beispiel PFAS-Freiheit, Recyclingklasse A bis C oder PCR-Anteil, anzureichern und über mehrstufige Stücklisten fest mit Ihren Fertigprodukten zu verknüpfen.

QM-Prüfung und Chargenverwaltung

Eine strengere Steuerung und Überwachung kritischer Verpackungen im Wareneingang kann als systemgestützte Lösung über das SAP QM konzipiert und umgesetzt werden. Eine konsequente Chargenführung gewährleistet maximale Transparenz über die Beschaffenheit und Herkunft jeder Verpackung. Außerdem ermöglicht es Ihnen, bei Non-Konformitäten jederzeit präzise, schnell und ressourcenschonend einzugreifen.

Packvorschriften & Packspezifikation

SAP-Packvorschriften und Packspezifikationen definieren regelbasiert die exakten Packmittel für jedes Produkt und bilden das operative Fundament zur Einhaltung der PPWR. Sie verhindern unnötigen Leerraum durch verbindliche Größenvorgaben am Packtisch und erzeugen bei der Handling-Unit-Erstellung automatisch die exakten Materialdaten für das gesetzliche Reporting. Darüber hinaus stellen sie sicher, dass nur freigegebene, rezyklatkonforme Packmittel gewählt werden und steuern die systemische Abwicklung von Mehrwegkreisläufen.

Embedded Analytics

Die Daten können sowohl über Embedded Analytics, zum Beispiel via Fiori, als auch über maßgeschneiderte ABAP-Reports oder Side-by-Side-Apps aggregiert und ausgewertet werden. Insbesondere die embedded Auswertungen ermöglichen es, logistische Bewegungsdaten in Echtzeit mit Stammdaten zusammenzuführen, ohne den Umweg über externe Schnittstellen.

EWM in der Praxis, ein unterschätzter Parameter mit großer Wirkung

Wer SAP EWM einsetzt, sollte sein Reporting keinesfalls auf den theoretischen ERP-Stücklisten aufbauen. Am Packtisch und auch in den Lageraufgaben ist die physische Realität abgebildet. Ein Packer wählt im Zweifel einen größeren Karton oder nutzt zusätzliches Füllmaterial, wodurch die gesetzliche Leerraumquote von 50 Prozent unbemerkt verletzt werden kann. Nutzen Sie das EWM nicht nur als System, das Paletten von A nach B umlagert, sondern als den validierten Datenlieferanten für Ihre PPWR-Berichte. Bauen Sie Ihre Nachweise auf den real gepackten Handling Units (HUs) auf. Das funktioniert allerdings nur, wenn Sie konsequent alle Materialien im System abbilden, inklusive Stretchfolie, Umreifungsband und Kantenschutz. Nur was im EWM digital erfasst wird, lässt sich später gegenüber Behörden und dem Handel rechtssicher melden.

Die eigentliche Hürde ist nicht die Software

Die größte Hürde bei der PPWR ist nicht das Coding des finalen Reports. Es ist die Masse an fehlenden Verpackungsdaten. Das Einsammeln der exakten Spezifikationen von Ihren Lieferanten, etwa Konformitätserklärungen, PFAS-Freiheitsnachweise oder Recycling-Zertifikate, und das Einpflegen in die SAP-Stammdaten dauert erfahrungsgemäß viele Monate. Wer den Startschuss für die Stammdatenpflege jetzt kurz vor dem August-Stichtag verzögert, scheitert am Ende nicht an der Software, sondern an leeren Datenfeldern. Schaffen Sie deshalb jetzt Ihre „Single Source of Truth“ direkt im S/4HANA-Kern.

Wie adesso business consulting Sie dabei unterstützt

Unser SAP Competence Center Food & Beverage kennt die Kombination aus Lebensmittelrecht, Verpackungsvorschriften und SAP-Architektur aus der Praxis. Wir bauen Ihre PPWR-Compliance direkt im S/4HANA-Kern auf, ohne unnötige Zusatzlizenzen, mit Ihren realen Stammdaten und Ihrer bestehenden EWM-Landschaft als Grundlage.

Nächster Schritt, ein PPWR-Readiness-Check gemeinsam mit unseren Branchenexpert:innen. Wo hat Ihre SAP-Landschaft heute noch Datenlücken und wie schnell lassen sich diese bis August 2026 schließen? Sprechen Sie uns an.

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Ein Beitrag von:

Laura Voigt

Laura Voigt ist bei der adesso business consulting AG als SAP EWM Consultant tätig. Mit ihrem Know-how in Logistik und Prozessmanagement unterstützt sie Unternehmen bei S/4HANA-Transformationen. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf der Konzeption und Implementierung von Embedded EWM in der Private Cloud.
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