26. August 2026

Greenfield, Brownfield oder SDT: Welcher Migrationspfad für SAP S/4HANA ist passend?

Der richtige Migrationspfad für SAP S/4HANA und was Sie im Finanzwesen dabei beachten sollten

Mit dem bevorstehenden Ende der Wartung der SAP Business Suite 7 stehen viele Unternehmen vor einer der wichtigsten strategischen Entscheidungen ihrer SAP-Landschaft: Welcher Migrationspfad für SAP S/4HANA schafft die beste Grundlage für Ihre SAP-Zukunft?

Die Antwort ist selten eindeutig. Greenfield, Brownfield und Selective Data Transition (SDT) verfolgen unterschiedliche Ansätze und unterscheiden sich hinsichtlich Aufwand, Projektrisiko, Flexibilität und langfristigem Nutzen erheblich. Welche Strategie geeignet ist, hängt weniger von aktuellen Trends als vielmehr von den individuellen Rahmenbedingungen des Unternehmens ab.

Dieser Beitrag erläutert die drei Migrationsansätze, zeigt deren Vor- und Nachteile und stellt einen praxisnahen Entscheidungsbaum vor, der Unternehmen eine erste Orientierung bei der Auswahl des geeigneten Migrationspfads bietet. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den Konsequenzen für das Finanzwesen, das von der Wahl des Migrationspfads häufig stärker betroffen ist als andere Unternehmensbereiche.

Die drei Migrationsansätze im Überblick

Greenfield: Der Neustart

Beim Greenfield-Ansatz wird SAP S/4HANA vollständig neu implementiert. Unternehmen orientieren sich dabei konsequent an den SAP-Standardprozessen und übernehmen historische Daten in der Regel nur selektiv oder in Form von Eröffnungsbeständen.

Der größte Vorteil liegt in der Möglichkeit, historisch gewachsene Prozesslandschaften grundlegend zu überarbeiten. Individuelle Sonderlösungen können hinterfragt, organisatorische Strukturen harmonisiert und neue SAP-Funktionen von Beginn an optimal genutzt werden.

Demgegenüber steht ein vergleichsweise hoher Projektaufwand. Geschäftsprozesse müssen neu definiert, Stammdaten bereinigt und Fachbereiche intensiv in die Neugestaltung eingebunden werden.

Brownfield: Die Systemkonvertierung

Beim Brownfield-Ansatz wird das bestehende SAP-ECC-System technisch auf SAP S/4HANA konvertiert. Geschäftsprozesse, Customizing-Einstellungen und Organisationsstrukturen bleiben grundsätzlich erhalten.

Dadurch reduziert sich der Implementierungsaufwand. Anwender:innen arbeiten weiterhin mit vertrauten Prozessen, wodurch Schulungs- und Change-Aufwände häufig geringer ausfallen.

Allerdings werden auch bestehende Eigenentwicklungen, Prozessbesonderheiten und technische Altlasten weitgehend übernommen. Optimierungen erfolgen häufig erst nach der eigentlichen Migration. Zu beachten ist zudem, dass die technische Konvertierung je nach Datenvolumen mit einer spürbaren Ausfallzeit verbunden sein kann. Im ungünstigen Fall steht das System für die Dauer der Konvertierung komplett still.

Selective Data Transition: Der Mittelweg

Selective Data Transition (SDT)* kombiniert Elemente beider Ansätze. Unternehmen entscheiden gezielt, welche Organisationsbereiche, Prozesse oder Datenbestände übernommen, harmonisiert oder bewusst neu aufgebaut werden sollen.

Dieser Ansatz eignet sich insbesondere für Systemkonsolidierungen, Unternehmensfusionen, Carve-outs, Carve-ins oder umfangreiche Reorganisationen. Aber auch bei einer einzelnen SAP-Landschaft kann SDT sinnvoll sein, beispielsweise wenn nur ausgewählte Buchungskreise oder Geschäftsbereiche bereinigt und migriert werden sollen.

Technisch erfolgt eine Selective Data Transition meist mithilfe spezialisierter Migrationswerkzeuge, die eine selektive Übernahme und Transformation der Daten ermöglichen und dabei oft eine weitgehend unterbrechungsfreie Migration erlauben, da Daten im Hintergrund synchronisiert werden, während das Altsystem weiterläuft.

*Hinweis zur Begrifflichkeit: „Selective Data Transition“ ist die offizielle Bezeichnung von SAP. In der Praxis wird teils auch der Begriff „Bluefield“ verwendet, eine Marke des Beratungshauses SNP. Beide Begriffe beschreiben denselben Grundgedanken.

Der Entscheidungsbaum

Die folgende Abbildung fasst die wichtigsten Entscheidungskriterien zusammen und dient als erste Orientierung für die Auswahl des geeigneten Migrationspfads.

Abb. 1: Der Entscheidungsbaum zur Auswahl des geeigneten Migrationspfads

Der Baum arbeitet die Entscheidung in drei aufeinanderfolgenden Leitfragen ab: Zunächst wird geprüft, ob mehrere Systeme oder Organisationseinheiten zusammengeführt oder selektiv übernommen werden sollen. Trifft das zu, ist Selective Data Transition der naheliegende Weg. Ist das nicht der Fall, folgt die Frage, ob ein grundsätzlicher Wunsch nach Prozessharmonisierung besteht. Wird das bejaht, spricht dies für Greenfield. Erst wenn beides verneint wird, entscheidet die dritte Frage, ob der schnelle, weitgehend unveränderte Erhalt bestehender Prozesse eindeutig die höchste Priorität hat. Ist das der Fall, spricht dies für Brownfield.

Wird auch die dritte Frage verneint, bedeutet das nicht, dass gar keine Migration gewünscht ist, sondern lediglich, dass keine der drei Prioritäten (Konsolidierung, Harmonisierung oder Tempo/Prozesserhalt) eindeutig überwiegt. Genau für diesen Fall bietet Selective Data Transition die nötige Flexibilität, um einzelne Bereiche gezielt zu harmonisieren, ohne alles neu aufzubauen oder ungeprüft zu übernehmen.

Der Baum bildet damit typische Projektsituationen ab, ersetzt aber keine detaillierte Analyse der bestehenden Systemlandschaft, da sich die einzelnen Kriterien in der Praxis gegenseitig beeinflussen.

Die wichtigsten Entscheidungskriterien

Die drei Leitfragen des Entscheidungsbaums lassen sich jeweils durch konkrete Kriterien schärfen:

1. Konsolidierung: Sollen Systeme oder Organisationseinheiten zusammengeführt werden?

Die Anzahl der vorhandenen SAP-Systeme ist ein wesentliches Entscheidungskriterium. Bei einer einzelnen, gut gepflegten SAP-Landschaft kommen grundsätzlich alle drei Migrationspfade infrage. Sollen dagegen mehrere Systeme zusammengeführt, Unternehmen nach einer Fusion harmonisiert oder einzelne Organisationseinheiten herausgelöst werden, gewinnt eine Selective Data Transition häufig an Bedeutung.

2. Harmonisierung: Besteht der Wunsch nach einer grundlegenden Prozessneugestaltung?

Am Anfang jeder Migration sollte nicht die technische Umsetzung stehen, sondern die Frage nach dem gewünschten Zielbild: Soll lediglich eine moderne technische Plattform geschaffen werden, oder bietet die Migration gleichzeitig die Gelegenheit, Geschäftsprozesse zu vereinheitlichen und organisatorische Strukturen neu auszurichten? Historisch gewachsene Prozesse entwickeln sich im Laufe der Jahre häufig weit vom SAP-Standard weg. Sind viele individuelle Sonderprozesse entstanden, bietet Greenfield die Chance, Geschäftsabläufe zu vereinfachen und an bewährten SAP-Standards auszurichten. Liegen die bestehenden Prozesse dagegen bereits nahe am Standard und erfüllen die fachlichen Anforderungen zuverlässig, spricht dies eher für eine Brownfield-Migration.

3. Prozesserhalt und Tempo: Sollen bestehende Strukturen weitgehend erhalten bleiben?

Drei Aspekte prägen diese Frage besonders:

Eigenentwicklungen und Custom Code

Entscheidend ist weniger die reine Anzahl der Programme als deren tatsächlicher Nutzen. Zu prüfen ist, welche Entwicklungen produktiv genutzt werden, welche durch Standardfunktionen ersetzt werden können und welche Anpassungen aufgrund der SAP-Simplification-Items erforderlich sind. Ein umfangreicher Custom-Code-Bestand schließt einen Brownfield-Ansatz keineswegs aus, beeinflusst jedoch den Analyse- und Anpassungsaufwand.

Datenhistorie

Kann mit Eröffnungsbeständen oder einem definierten Datenbestand gearbeitet werden, eröffnet dies größere Freiheiten bei Greenfield oder SDT. Bestehen dagegen gesetzliche oder fachliche Anforderungen an die vollständige Übernahme historischer Daten, gewinnt Brownfield häufig an Attraktivität.

Zeit und Budget

Brownfield ermöglicht oft den schnellsten Einstieg in SAP S/4HANA. Langfristig sollten jedoch nicht ausschließlich Projektkosten betrachtet werden. Ein zunächst günstiger Brownfield-Ansatz kann höhere Betriebs- und Wartungskosten verursachen, wenn bestehende Prozess- oder Systemschwächen dauerhaft übernommen werden.

Unabhängig von der Wahl: Change-Bereitschaft

Die technische Migration ist nur ein Teil des Projekts. Mindestens ebenso entscheidend ist die Bereitschaft der Fachbereiche, neue Prozesse und Arbeitsweisen zu akzeptieren. Gerade Greenfield-Projekte erfordern ein ausgeprägtes Change Management und eine enge Einbindung der Anwender:innen, unabhängig davon, für welchen Migrationspfad sich ein Unternehmen letztlich entscheidet. Diese Change-Perspektive gilt quer über alle drei Ansätze hinweg und ergänzt damit die fachlichen Kriterien aus dem Finanzwesen, die im folgenden Abschnitt im Mittelpunkt stehen.

Besondere Herausforderungen im Finanzwesen

Aus Sicht des Finanzwesens reicht die Betrachtung der technischen Migration allein nicht aus. Je nach Migrationsstrategie ergeben sich unterschiedliche fachliche Herausforderungen. Während bei einem Brownfield-Ansatz bestehende Organisationsstrukturen und Customizing-Einstellungen weitgehend erhalten bleiben, bieten Greenfield und Selective Data Transition die Möglichkeit, historisch gewachsene Strukturen grundlegend zu harmonisieren.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei unter anderem die folgenden Aspekte, da sich die drei Migrationsansätze hier deutlich unterscheiden:

Kontenpläne: Bei Brownfield bleibt ein historisch gewachsener, oft uneinheitlich gepflegter Kontenplan bestehen. Greenfield und SDT eröffnen dagegen die Chance auf einen harmonisierten, konzernweit einheitlichen Kontenplan.

Buchungs- und Kostenrechnungskreise: Eine Konsolidierung mehrerer Buchungskreise zu einem einzigen ist bei Brownfield praktisch nicht vorgesehen, gehört bei einer Selective Data Transition jedoch zu den klassischen Anwendungsfällen.

Geschäftsjahresvarianten: Unterschiedliche Geschäftsjahresvarianten über mehrere Buchungskreise hinweg lassen sich bei Brownfield kaum vereinheitlichen, während Greenfield und SDT eine Angleichung ermöglichen.

Ledger-Strukturen: Greenfield erlaubt einen sauberen Neuaufbau paralleler Ledger, etwa für IFRS und lokale Rechnungslegung. Bei Brownfield werden bestehende Ledger-Konfigurationen einschließlich etwaiger technischer Altlasten unverändert übernommen.

Währungen: Im Rahmen einer Systemkonsolidierung mittels SDT müssen unterschiedliche Konzern- und Lokalwährungen sowie Umrechnungsmethoden bewusst harmonisiert werden. Bei Brownfield bleibt die bestehende Währungskonfiguration unangetastet.

Business Partner und die Customer-Vendor-Integration (CVI): Greenfield und SDT erlauben einen sauberen, konsistenten Neuaufbau der CVI. Bei Brownfield wandert eine historisch gewachsene, teils fehlerhafte CVI-Konfiguration unverändert mit. Wie sich die damit verbundenen Herausforderungen im Brownfield-Ansatz strukturiert bewältigen lassen, zeigt Jan-Philip Becker in seinem Blogbeitrag.

Nummernkreise: Sollen Nummernkreise über mehrere Buchungskreise oder Systeme hinweg vereinheitlicht werden, ist dies nur bei Greenfield oder SDT sinnvoll umsetzbar. Brownfield übernimmt bestehende Nummernkreise unverändert.

Ein besonders unterschätzter Faktor: Stammdatenqualität

Die Entscheidung für einen Migrationspfad wird in der Praxis häufig von technischen Fragestellungen dominiert: der Konvertierbarkeit des Systems, der Anzahl der SAP-Systeme oder der Add-on-Kompatibilität. Mindestens ebenso entscheidend für den Projekterfolg ist jedoch ein Aspekt, der in frühen Projektphasen häufig zu kurz kommt: die Qualität der vorhandenen Stammdaten.

Unvollständige oder inkonsistente Stamm- und Organisationsdaten werden durch eine Migration nicht automatisch bereinigt. Vielmehr werden bestehende Inkonsistenzen häufig unverändert in das neue System übernommen und erschweren dort sowohl die Geschäftsprozesse als auch die spätere Wartung. Eine frühzeitige Analyse und Bereinigung der Stammdaten reduziert daher den Aufwand in späteren Projektphasen erheblich, unabhängig davon, für welchen der drei Migrationspfade sich ein Unternehmen entscheidet. Mehr dazu können Sie hier in einem Blogbeitrag lesen.

In der Praxis zeigt sich dabei ein wiederkehrendes Muster: Eine zunächst aus Kostengründen naheliegende Brownfield-Entscheidung wird im Zuge der technischen Analyse häufig noch einmal infrage gestellt, wenn sich zeigt, dass etwa Kontenfindung oder Zahlungsbedingungen über Jahre uneinheitlich gepflegt wurden. In solchen Fällen empfiehlt sich oft eine Brownfield-Konvertierung mit vorgelagerter, gezielter Stammdatenbereinigung. So lassen sich sowohl die Kosten eines vollständigen Neuaufbaus als auch die Übernahme bestehender Dateninkonsistenzen vermeiden.

Checkliste für die interne Vorbereitung

Bevor die Auswahl des Migrationspfads in die Beratung geht, lohnt sich die interne Klärung folgender Punkte:

  • Wie viele Systeme beziehungsweise Mandanten sind im Scope und soll konsolidiert werden?
  • Wie umfangreich und wie gut dokumentiert ist der Custom-Code-Bestand tatsächlich?
  • Wie konsistent sind Kontenpläne, Geschäftsjahresvarianten und Nummernkreise über alle betroffenen Buchungskreise hinweg?
  • Welcher Anteil der Datenhistorie muss live im System bleiben, welcher darf archiviert werden?
  • Wie groß ist die Akzeptanz der Fachbereiche für spürbar veränderte Prozesse?
  • Welche Ausfallzeit ist für den Go-live realistisch akzeptabel?
  • Welches Zeit- und Budgetfenster steht realistisch zur Verfügung?

Letztlich zeigt die Erfahrung aus zahlreichen Transformationsprojekten, dass der Erfolg einer SAP-S/4HANA-Migration nur selten an der technischen Umsetzung scheitert. Häufig sind vielmehr Datenqualität, organisatorische Harmonisierung und die frühzeitige Einbindung der Fachbereiche die Faktoren, die über den langfristigen Projekterfolg entscheiden.

Fazit

Die eingangs gestellte Frage nach der besten Grundlage für die SAP-Zukunft lässt sich nicht pauschal beantworten. Die Wahl des passenden Migrationspfads gehört dennoch zu den wichtigsten strategischen Entscheidungen eines SAP-S/4HANA-Projekts: Während Brownfield bei stabilen Systemlandschaften mit geringem Veränderungsbedarf Vorteile bietet, schaffen Greenfield und Selective Data Transition größere Freiräume für Prozessharmonisierung und organisatorische Neuausrichtung. Entscheidend ist, die Ausgangssituation ganzheitlich zu betrachten und nicht ausschließlich technische Kriterien in den Mittelpunkt zu stellen.

Insbesondere im Finanzwesen beeinflussen Faktoren wie Kontenpläne, Buchungskreisstrukturen, Ledger-Strukturen und Stammdatenqualität den Projektumfang häufig stärker als die eigentliche Systemkonvertierung. Eine fundierte Voranalyse dieser Abhängigkeiten schafft Transparenz und legt den Grundstein für eine belastbare Migrationsstrategie. Die anschließende Feinjustierung und Umsetzung erfordert erfahrene Begleitung.

adesso business consulting begleitet Unternehmen entlang des gesamten Transformationsprozesses, von der Analyse der bestehenden Systemlandschaft über die Bewertung geeigneter Migrationsstrategien bis hin zur erfolgreichen Einführung von SAP S/4HANA. Unsere FI-Expert:innen unterstützen Sie dabei, Kontenpläne, Buchungskreisstrukturen und Stammdatenqualität frühzeitig zu bewerten und so die Weichen für eine belastbare Migrationsstrategie zu stellen. Sprechen Sie uns an, wenn Sie Ihre Ausgangssituation gemeinsam mit uns einordnen möchten.

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Ein Beitrag von:

Felix Löffler

Felix Löffler ist als Consultant im Bereich SAP S/4HANA Transformationen tätig, mit umfassender Erfahrung in der Begleitung und Umsetzung von Projekten in der Private Cloud. Sein Schwerpunkt liegt auf der kontinuierlichen Systembetreuung und der Gewährleistung eines stabilen Betriebs durch effizienten Support. Zudem beschäftigt er sich mit Fragestellungen rund um SAP DRC sowie E-Invoicing im Kontext gesetzlicher Anforderungen.
Alle Beiträge von: Felix Löffler

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